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Kritik: Reise nach Kandahar (2001)


Es ist eine ironisch-perverse Fügung des Schicksals, dass Mohsen Makhmalbafs Gesellschaftsdrama durch die Ereignisse des 11. September und dem, was folgte, an Wahrnehmungsqualität gewinnen dürfte. Spätestens seit amerikanische Bomber in immer neuen Wellen über Afghanistan ihre zerstörerische Fracht abwarfen, hat die mediale Wirklichkeit dem Namen Kandahar einen Ort sowie einen Inhalt gegeben: Hochburg des Taliban-Regimes in den Bergen Afghanistans. Mit dieser symbolischen Bürde muss der Film umgehen, denn neben einem gesteigerten Interesse sieht man ihn zwangsläufig auch mit anderen Augen. Die Aktualität und die Nähe, welche über das Fernsehen hergestellt werden, führen zu einem Betroffenheitsblick. Und so gewinnt »Reise nach Kandahar« durch die Form der fiktiven Dokumentation an Intensität. Er stillt auf ideale Weise das Bedürfnis nach Informationen über das unbekannte Regime, das inzwischen ein Fall für die Geschichtsbücher geworden ist. Ohne - wie eine echte Dokumentation - auf das Auffinden der richtigen Bilder angewiesen zu sein, kann er sie inszenieren. Da filmt Makhmalbaf an einer Stelle Verkrüppelte, die sich mit ihren Krücken auf von der UNO per Fallschirm abgeworfene Beinprothesen stürzen. Das Grauen des Leids ergießt sich in einem Bild von makaber-rauher Schönheit. Gerade dadurch erzwingt der Film eine Eindringlichkeit, da im Kontrast aus Bild und seinem Inhalt der Seheindruck nachhaltig hinterfragt wird. Der gängigen Nachrichten-Wirklichkeit läuft »Reise nach Kandahar« geschickt zuwider, während er gleichzeitig den Verhältnissen aus Kriegsrealität des Jahres 1999 sowie der allgegenwärtigen Unterdrückung ein Gesicht gibt.




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