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Hulk
Hulk
© United International Pictures

Kritik: Hulk (2003)


Zerstörerischer Egotrip Wenn ausgerechnet ein aus China stammender Filmemacher die Essenz des uramerikanischen Marvel-Comics "Hulk" begreift und stilsicher ins Kino überträgt, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Doch Regisseur Ang Lee, dessen Film "Tiger & Dragon" mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, ist dieser Drahtseilakt gelungen: Seine zwischen Kindheitsfantasie und Psychodrama, Popkultur und Mythos angesiedelte Version von "Hulk" ist die bis heute überzeugendste Verfilmung eines Superheldenstoffes - und ein garantierter Kassenhit. Einst, als die Atompilze noch in den Himmel schossen, dachten sich Jack Kirby und Stan Lee, zwei besonders kreative Köpfe aus der Heftchenschmiede Marvel Comics, einen Superhelden aus, der eigentlich gar keiner ist: eine Mischung aus "Frankenstein" und "Dr. Jekyll & Mr. Hyde", ein Amalgam aus Mensch und Monster, ein zerstörerisches, missverstandenes Ungetüm mit einem herzensguten Kern. Mit einem Wort: "Hulk". Mehr als 40 Jahre sind seitdem vergangen, doch das grünhäutige Gen-Experiment ist offenbar nicht totzukriegen. Im Gegenteil: Ang Lee, der aus Taiwan stammende Regisseur des preisgekrönten Kung-Fu-Märchens "Tiger & Dragon", machte daraus ein 137 Millionen Dollar teures Familiendrama zwischen Popkultur und Shakespeare, kindlicher Allmachtsfantasie und griechischer Tragödie. Was furchtbar hoch gestochen klingt, ist in der Praxis eine Augenweide - und ein großartiger Spaß. Ang Lee, ein aufs Detail versessener Perfektionist Kubrickscher Prägung, gelang mit diesem Film ein scheinbar müheloser Drahtseilakt, hinter dem allerdings jede Menge Schweiß und Köpfchen stecken. Nach Enttäuschungen wie "Daredevil" und "X-Men 2" erbrachte Lee mit "Hulk" endlich den lange überfälligen Beweis, dass man ein Comic-Universum samt seiner lieb gewonnenen Figuren überzeugend - sprich: ihrer eigenen Realität verpflichtet - auf die Leinwand bringen und dabei ihre Essenz, Integrität und Originalität bewahren kann. Auf dem Weg dorthin übertrug der in den USA lebende Regisseur die stiltypischen Merkmale von Comic-Strips in eine visuell reizvolle Filmsprache voller Symbole und Metaphern. Sein effizientes und gleichzeitig virtuoses Spiel mit Split-Screens, Überblendungen und Montagen überlässt nichts dem Zufall, und Lees offensichtliches Talent dafür, Zusammenhänge bildlich zu vermitteln, machen ihn zu einer optimalen Wahl für diese scheinbar triviale Story über einen Wissenschaftler, der sich, wenn er wütend wird, in ein bis zu sechs Meter großes Ungetüm verwandelt. Erben des Atomzeitalters Bruce Banner heißt der Mann (dargestellt von Eric Bana, einem bei uns nahezu unbekannten Nachwuchstalent aus Australien), und er ist ein brillanter junger Gentechniker mit einem verdrängten Kindheitstrauma. Was sonst noch alles in ihm steckt, findet Bruce heraus, nachdem sein Körper eine (an sich tödliche) Dosis Gammastrahlung abbekommt: Am nächsten Tag kann Banner sich an nichts erinnern - doch seine Kollegin und Ex-Freundin Betty Ross (Oscar-Preisträgerin Jennifer Connelly) erkennt in ihm das Monster wieder, das über Nacht das Forschungsinstitut verwüstet hat. Bettys Vater (Sam Elliott), ein Vier-Sterne-General, bläst daraufhin zum großen Halali mit Panzern, Kampfjets und Soldaten - weiß jedoch mehr über die Hintergründe von Bruce Banners seltsamer Verwandlung, als er bereit ist, zuzugeben. Betty wiederum hat ihre eigene Theorie, die sie zu Banners tot geglaubtem Vater David (Nick Nolte) führt, einem Wissenschaftler, der einst auf einem streng geheimen Militärstützpunkt unter dem Kommando ihres Vaters illegale Gen-Experimente an sich selbst durchführte. "Hulk" entfaltet eine in sich schlüssige Comic-Realität, in der Schauspieler aus Fleisch und Blut nahezu übergangslos mit dem vollständig im Computer generierten Titelhelden ein Ensemble bilden. Hinter den spektakulären Action-Szenen menschelt es an jeder Ecke, wobei Ang Lees dem Genre angemessene Ästhetik die Gefühle und Motivationen der Figuren auf das Wesentliche reduziert, ohne sie zu trivialisieren. "Hulk" ist ein Film über die Suche nach der eigenen Identität - wie schön, dass hier ein Superheld zur Abwechslung mal nicht die Welt, sondern zuallererst sich selbst zu retten hat.




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