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Terminal  United International Pictures
Terminal United International Pictures

Kritik: Terminal (2004)


"Terminal": Steven Spielberg und die Leichtigkeit des Scheins Endstation Airport Wenn sich Franz Kafka mit Frank Capra und "E.T. – der Außerirdische" mit "Verschollen" paart, platzt manchem Kritiker die Hutschnur. Folglich scheiden sich an Steven Spielbergs neuem Kinomärchen "Terminal" die Geister. Tom Hanks alias Viktor Navorski gerät dabei als Passagier aus Osteuropa am New Yorker Flughafen in die Mühlen der Einwanderungsbehörde – ein Staatsstreich in Navorskis Heimat hat dafür gesorgt, dass der Tourist nicht in die USA einreisen, nicht weiterfliegen und auch nicht in sein eigenes Land zurückkehren kann. Die Folge: Viktor sitzt im Transitbereich des Airports fest. Tage, Wochen, Monate vergehen, in denen er Amerika im Mikrokosmos eines Terminals erlebt. Von Rico Pfirstinger Flughäfen sind Durchgangsstationen, in denen man als Reisender gewöhnlich möglichst wenig Zeit auf möglichst angenehme Art verbringen möchte. Deshalb ist ein modernes Airport-Terminal eine recht seltsame Mixtur aus Duty-Free-Geschäften, Restaurants und luxuriösen Shops – nicht zu vergessen hoch gestochene Airline-Lounges, in denen kostenlose Knabbereien zum armseligen Statussymbol von Vielfliegern avancieren. Dort nicht vorgesehen ist ein Fall wie der von Viktor Navorski (Tom Hanks), einem Passagier aus einem Fantasieland Osteuropas, der bei der Einreise in die USA im New Yorker Flughafen stecken bleibt. Während Viktors Flugzeug über dem Atlantik schwebte, gab es in seiner Heimat einen Umsturz – Pass und Visum sind nun nicht mehr gültig. "Sie sind zur Zeit einfach nicht akzeptabel", erklärt ihm seine Nemesis, der von Stanley Tucci brillant verkörperte US-Einwanderungsbeamte Dixon. Navorski kann also nicht weiter, aber er kann auch nicht zurück – er muss, des Englischen nicht mächtig, die kommenden Monate im internationalen Terminal des Flughafens verbringen. Unter Steven Spielbergs kundiger Regie wird aus dem kafkaesken Alptraum rasch ein capraeskes Fabelbiotop für den American Dream. Zwar schickt der Regisseur hier keinen Mr. Smith nach Washington, doch was Viktor Navorski im Transitbereich des Flughafens erlebt, ist nicht weniger märchenhaft. Ja, "Terminal" ist ein modernes Kinomärchen, und wer das nicht erkennt und akzeptiert, wird an dem Streifen wenig Freude haben. Klopft man die Story auf Glaubwürdigkeit und Widersprüche ab, stößt man ganz schnell auf eine Handvoll grober Schnitzer, die den Handlungsverlauf bei "realistischer" Betrachtung ad absurdum führen. Bei einer Fabel allerdings sind solche Fehler unvermeidlich und deshalb verzeihlich. Spielbergs lyrisch-naive Perspektive und sein sentimental-kindlicher Blick auf alles, was mit dem Thema Fliegerei zusammenhängt, wurde zuletzt in "Catch Me If You Can" dokumentiert, ist aber auch in vielen seiner früheren Filme evident – etwa in "Unheimliche Begegnung", "1941", "E.T.", "Always" oder dem von der Kritik gebrandmarkten Kriegsdrama "Das Reich der Sonne". In "Terminal" beschwört der Filmemacher nun erneut die Lässigkeit von "Catch Me If You Can", jedoch mit einem Rollentausch: Tom Hanks' alter Bürokraten-Part fällt nun Stanley Tucci zu. Er spielt den Grenzschützer Frank Dixon Dixon, dem seine anstehende Beförderung genauso heilig ist wie die strikte Einhaltung von Regeln und Gesetzen – ohne Ansehen von Fall und Person. Störfaktor Mensch Dummerweise passt der Fall Navorski nicht in Dixons Raster, und alle Versuche, den "Störfaktor" in einen anderen Zuständigkeitsbereich abzuschieben, schlagen fehl. Denn Viktor Navorski fügt sich stoisch in sein Schicksal – er würde notfalls Jahre seines Lebens in dem Terminal verbringen, denn im Gegensatz zu Dixon hat er anscheinend alle Zeit der Welt. Für Tom Hanks, dessen Figur im ersten Teil des Films kaum Englisch spricht, ergibt sich daraus ein willkommener Rückfall in die Ära seiner früheren, auf physischem Humor basierenden Komödienhits – mit Anleihen bei Charles Chaplin und Jacques Tati. Dass dabei der menschliche Aspekt nie in den Hintergrund gerät, zählt zu den größten Stärken dieses Films. Zu verdanken ist dies, neben dem eingespielten Team aus Hanks und Spielberg, auch den perfekt besetzten Nebendarstellern, die dem Protagonisten bei der Odyssee durchs Terminal zur Seite stehen. Und weil zu einem solchen Märchen eine Love-Story gehört, spielt Catherine Zeta-Jones eine mit ihrem Leben unzufriedene Stewardess, die in Navorski unerwartet einen neuen Dreh- und Angelpunkt im Leben findet. Dieser Teil der Geschichte ist zwar noch unwahrscheinlicher als der Rest, doch "Terminal" beschreibt als Fabel eben eine Welt mit Dingen, die es nur auf der Leinwand gibt. Dass wir den kleinen Unterschied zu unserer Realität oft kaum bemerken, hängt mit der Qualität des Personals zusammen, das Spielbergs Traumfabrik bevölkert. So überzeugen nicht nur Darsteller und Inszenierung, sondern auch Janusz Kaminskis außerordentliche Kamera-Arbeit, Alex McDowells raffinierte und detailgenaue Set-Architektur und John Williams' mit Jazzklängen beschwingte Filmmusik. Dass "Terminal" trotz der vorhandenen Fallstricke so gut funktioniert, liegt letztlich allerdings daran, dass Spielberg und Hanks sich und der Welt nichts mehr beweisen müssen. Beide genießen in Hollywood sämtliche Freiheiten, die das Show-Business zu bieten hat, und beide haben es nicht mehr nötig, mit ihren Arbeiten auf Oscars oder andere Auszeichnungen zu spekulieren. In "Terminal" wird das Publikum deshalb Zeuge einer scheinbar mühelosen Leichtigkeit, hinter der sich das Können der Macher wunderbar verbergen lässt. Frank Capra hätte dazu gratuliert.




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