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Kritik: Das perfekte Verbrechen (2007)


1948 veröffentlichte Alfred Hitchcock mit "Cocktail für einen Leiche" einen Thriller, in dem nicht die Suche nach dem Täter, also das übliche "Whodunit" für Spannung sorgte, sondern die Frage, ob und wie die dem Zuschauer von Anfang an bekannten Täter sich schließlich verraten würden. Der Film, in dem Hitchcock zwei junge Mörder an ihrer eigenen Überheblichkeit scheitern ließ, basierte auf dem Theaterstück "Rope". Dieses wiederum griff eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1924 auf: In dem Wahn, "den perfekten Mord" durchführen zu wollen, hatten damals die zwei Studenten Leopold und Loeb einen 14jährigen getötet. Der Fall machte Schlagzeilen und wurde später noch mehrfach adaptiert - zuletzt im Jahr 2002, in dem Thriller "Mord nach Plan". Und natürlich greifen zahlreiche weitere Thriller (bis hin zu Wes Cravens "Scream") den Gedanken an den "perfekten Mord" auf. Seit Jahrzehnten also ist das perfekte Verbrechen als filmisches Motiv fest etabliert. Mit "Das perfekte Verbrechen" legt nun Regisseur Gregory Hoblit seine Version eines (nicht ganz) makelosen Verbrechens vor. Hoblit hat sich in seiner bald 30jährigen Karriere im Film- und TV-Geschäft auf Krimis und Thriller spezialisiert, er inszenierte unter anderem Folgen der Serien "NYPD Blue" und "L.A.Law", sowie die Thriller "Frequency" und "Im Zwielicht". Entsprechend versiert hat er seinen neuesten Thriller in Szene gesetzt. Die vergleichsweise gemähchliche Schnittfrequenz gibt Zeit für einige kleine Steadycam-Einstellungen. Bei der Beleuchtung fallen vor allem einige aus dem Film noir entlehnte Spielereien auf, wie etwa nur halb ausgeleuchtete Gesichter der Protagonisten, oder auch Schattenmuster von Jalousien – Spielereien, die optisch ganz nett sind, gelegentlich aber doch etwas unmotiviert wirken. Witzigerweise klärt das Presseheft darüber auf, dass sie tatsächlich zufällig beim Dreh entstanden sind, später dann aber für gut befunden und ergänzt wurden. Bei der Story wurde hingegen nichts dem Zufall überlassen. Die Autoren Daniel Pyne und Glenn Gers haben ihr Script sorgfältig konstruiert und meistern die schwierigste Aufgabe - eine glaubwürdige Auflösung, die nicht zu früh verraten wird - problemlos. So bleibt die Spannung bis zum Ahaerlebnis am Schluss erhalten. Kleinere "Unglaubwürdigkeiten" finden sich, wenn man ernsthaft danach sucht, aber ins Gewicht fallen sie nicht. Gemeinsamkeiten finden sich mit anderen Thrillern, die um das gleiche Motiv kreisen: Die exakte Planung und mitleidlose Durchführung des Mordes, die Genialität und der Hochmut des Täters, das Duell brillanter Geister und das Erörtern moralischer Grundsätze: Willy Beachum ist ein erfolgsverwöhnter, aufstrebender junger Anwalt, der mächtig stolz ist auf seine Verurteilungsquote von 97% und in seinem letzten Fall für die Bezirksstaatsanwaltschaft den ebenso gefühlskalten wie genialen Flugzeugingenieur Ted Crawford (Anthony Hopkins) hinter Gitter bringen will. Der Sieg vor Gericht scheint ihm auch in diesem Fall sicher: Crawford hat seine untreue Ehefrau mit einem Schuss ins Gesicht in ein Koma befördert, und sich später widerstandslos festnehmen lassen. Sein schriftliches Geständnis liegt vor. Dennoch wird Beachum von seinen Kollegen gewarnt, sich seiner Sache nicht zu sicher zu sein - immerhin fehlen weitere wichtige Beweise, und das Verhalten des wohlhabenden Ingenieurs erscheint einigermaßen rätselhaft. Trotz dieser Warnungen ist Beachum nicht bei der Sache, seine Gedanken kreisen um seinen neuen Job in einer großen Anwaltskanzlei und seine neuen Flamme und Bald-Kollegin Nikki Gardner. So tappt er unvorbereitet und blauäugig in die von Crawford ausgelegte Falle. Schon sieht es so aus, als müsse er den Fall – und damit auch seine Karrierechancen und die neue Freundin - verloren geben. Da erreicht ihn ein unmoralisches Angebot... Anthony Hopkins müht sich in der Rolle des überheblichen Mörders Ted Crawford redlich, keine Ähnlichkeit mit jenem anderen von ihm gespielten genialen Mörder, Hannibal Lecter, aufkommen zu lassen – und indem er auf deutlich zurückgenommene, weniger exaltierte Gestik und Mimik setzt, gelingt es ihm tatsächlich in 95% seiner Szenen seine Paraderolle vergessen zu machen. Kritisch wird es allenfalls im letzten Drittel des Films, als Crawford vom Erfolg vor Gericht euphorisiert ist. Aber wie sollte man auch Euphorie ohne wenigstens ein ganz klein wenig exaltierte Gestik spielen? Ryan Gosling, der im oben erwähnten "Mord nach Plan" einen von zwei jungen, hochintelligenten Mördern spielte, hat für "Das perfekte Verbrechen" die Seiten gewechselt und hält als ehrgeiziger, aber anfangs gedankenlos-überheblicher Anwalt tapfer mit Hopkins mit. Von den Nebendarstellern hat es vor allem Rosamund Pike in der Rolle der Nicky Gardner nicht wirklich leicht. Die von ihr gespielte ehrgeizige Anwältin und Kurzzeit-Geliebte Beachums hat im Rahmen der Story allerlei nicht unwichtige Funktionen: Sie dient dazu: a) die obligatorische Liebesgeschichte aufzubauen, b) das moralische Dillemma des Anwalts auf die Spitze zu treiben – entweder er bleibt ehrlich, muss einen Mörder ungestraft ziehen lassen, verliert Ansehen, Job und die neue Freundin, oder er greift zu unlauteren Mitteln, bringt den Mörder hinter Gitter und lebt weiter wie bisher – und c) das unrühmliche Beispiel für unmoralische Juristen und damit die Gegenspielerin von Beachums Noch-Arbeitgeber, dem Bezirksstaatsanwalt (David Strathairn), abzugeben. Nicky muss also einerseits sympathisch genug erscheinen, um ein glaubwürdiges Love-Interest für die Hauptfigur abzugeben, andererseits aber auch unsympathisch genug, um als Negativ-Beispiel herzuhalten. Angesichts der Tatsache, dass das Drehbuch ihr für all das auch noch verflucht wenig Zeit lässt, macht Rosamund Pike ihre Sache ziemlich gut. Und erfreulicherweise gibt es auch an ihren "Mitspielern" nicht ernsthaft etwas auszusetzten. So ist "Das perfekte Verbrechen" alles in allem zwar nicht der ganz große Wurf und ebenso wenig perfekt wie das titelgebende Verbrechen, aber doch sorgfältig und schlau konstruiert, mit guten Schauspielern gekonnt in Szene gesetzt und unterhaltsam bis zum Ahaerlebnis am Schluss.




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