VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
The Dixie Chicks: Shut Up & Sing
The Dixie Chicks: Shut Up & Sing
© 2006 Senator Film, alle Rechte vorbehalten.

Kritik: The Dixie Chicks: Shut Up & Sing (2006)


Es ist eine Story die sich liest wie das Script zu einem Spielfilm:

Wir schreiben das Jahr 2003. Die Dixie Chicks, eine Band bestehend aus den zwei Schwestern Emily Robison und Martie Maguire, die schon weit über ein Jahrzehnt gemeinsam auf der Bühne stehen, und der erst später dazugestoßene Lead-Sängerin Natalie Maines, sind auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Ausgerechnet mit Country-Musik haben die drei jungen Texanerinnen die Charts gestürmt. Zweimal haben sie den Grammy für die beste Country-Platte bekommen, millionenfach hat sich ihre Musik verkauft. Nun darf Maines bei der traditionellen Eröffnung des Superbowls die Nationalhymne anstimmen – wohl die größtmögliche Ehre für einen US-Sänger.
Nach dem Höhenflug aber kommt der tiefe Fall: Eine einfache, unbedachte Bemerkung der Lead-Sängerin bei einem Konzert in Shepherds Bush in London, ihre Kritik am Einmarsch von US-Truppen in den Irak und an US-Präsident Bush, führt in den USA zu einem Aufschrei der Empörung. Die eben noch umjubelten Musikerinnen werden wie aus heiterem Himmel von Medien und Politikern verteufelt und von Radiosendern boykottiert. Ihre CDs werden öffentlich zerstört, Morddrohungen gehen ein.
Angesichts des Hasses, der ihr so plötzlich entgegen schlägt, rudert Lead-Sängerin Maines erst halbherzig zurück, um dann aber, der Unterstützung ihrer Band-Kolleginnen sicher, mutig und ein wenig trotzig an ihrer Meinung festzuhalten.

Drei Jahre später können die drei sich trotz teils anhaltender Proteste und schlechter Ticketverkäufe in den USA als Sieger fühlen: Als Band hat der Druck sie enger zusammenrücken lassen. In Europa sind sie populärer und bekannter als zuvor, für ihre neue Platte wurden sie mit mehr Grammys ausgezeichnet als jeder andere Künstler des Jahres. Und vor allem: Die ehemaligen Kritiker stehen nun selbst in der Kritik. Journalisten und boykottierende Radiosender müssen sich für ihre Attacken öffentlich rechtfertigen und schwere Vorwürfe über sich ergehen lassen.

Ohne Frage, was die drei "Dixie Chicks" in den Jahren 2003 bis 2006 erlebt haben ist ein Glücksfall für jeden Dokumentaristen. Kein Drehbuchautor hätte sich diese Geschichte besser ausdenken können – und es ist alles tatsächlich geschehen, festgehalten in unzähligen Medienberichten. Die für ihre Dokumentarfilme schon mehrfach mit dem Oscar ausgezeichnete Barbara Kopple hat sich diesem Material angenommen und es in mühevoller Kleinarbeit mit Konzertmitschnitten und eigenen, bzw. Privataufnahmen der Musikerinnen zur Dokumentation "The Dixie Chicks: Shut up and Sing" arrangiert. Beginnend mit dem Superbowl-Auftritt im Jahr 2003 und dem späteren, folgenschweren Auftritt in London folgt Kopple den anschließenden Ereignissen dabei nicht streng chronologisch, sondern klopft die verschiedenen Lebensbereiche der Musikerinnen auf die Folgen ihrer Bush-Kritik ab und macht so deutlich, wie umfassend das Leben der "Dixie Chicks" auf den Kopf gestellt wurde.

Da sind zum einen die "medialen" Folgen: Kopple zeigt, wie die Euphorie der drei Musikerinnen nach dem überaus erfolgreichen Londoner Auftritt in den folgenden Tagen angesichts des von ihrem Manager vorgetragenen (und im Film ebenfalls präsentierten) Pressespiegels mehr und mehr in Entsetzen umschlägt, zeigt wie Natalie Maines sich im US-Fernsehen zu rechtfertigen und zu entschuldigen versucht, wie die Band dann aber, nach langen Diskussionen mit dem Manager, von der Defensive zur Offensive übergeht und ihrerseits eine Medienkampagne startet, um den Eingriff in ihre Meinungsfreiheit öffentlich anzuprangern.
Dann die finanziellen, bzw. beruflichen Folgen: Boykottaufrufe und protestierende (Ex-)Fans, einbrechende Verkaufszahlen, öffentliche CD-Zerstörungen – und wieder die Diskussionen der drei Band-Mitglieder mit ihrem Manager über die sinnvollste Reaktion. Dazu die privaten Folgen: Die anfängliche Unsicherheit der Lead-Sängerin Natalie Maines, ihr Bedauern und schlechtes Gewissen den anderen Bandmitgliedern gegenüber, die verständliche Angst angesichts der Morddrohungen, aber auch das Zusammenrücken der drei und ihr Rückhalt im Privatleben.
Und schließlich: Der Neuanfang trotz (zum Teil bis heute) anhaltender Proteste Unverbesserlicher, die Arbeit an einer neuen Platte, in der natürlich auch ihre Erlebnisse der vergangenen Jahre thematisiert werden. Der Erfolg der Platte bei Rezensenten, aber auch Rückschläge, wie die Notwendigkeit wegen schlechter Ticketverkäufe in den USA Konzerte abzusagen.

Das Ergebnis von Kopples Sortier-Arbeit ist ein intelligenter und nicht nur für Fans der texanischen Band interessanter und sehenswerter Film – sowohl eine Verbeugung vor dem Mut der drei Musikerinnen, die nach anfänglicher Panik an ihrer Meinung festhalten und trotz ganz offensichtlicher Angst selbst über die Morddrohungen noch zu scherzen im Stande sind, als auch ganz allgemein ein Plädoyer für die Meinungsfreiheit.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.