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CHIKO
CHIKO
© Falcom Media GmbH / Corazon International

Kritik: Chiko (2007)


Mit „Chiko“ legt der 28-jährige Özgür Yildirim sein nach eigenem Drehbuch inszeniertes Debüt vor. Und was ist das für ein erstaunlicher Einstand! Schon die Mitstreiter, die Yildirim für sein Projekt gewinnen konnte, lassen aufhorchen: In den Hauptrollen Moritz Bleibtreu und Denis Moschitto, dazu Reyhan Şahin, besser bekannt als Vulgär-Rapperin Lady Bitch Ray - eine Art verquere Kombination aus Sido und Charlotte Roche - in der wichtigsten weiblichen Rolle. Als Produzent fungierte Fatih Akin. 
Der Film selbst ist ein im eher trostlosen Hamburger Stadtteil Dulsberg angesiedelter, lupenreiner, packender Gangsterfilm, der Klischee-Untiefen geschickt umsegelt; mit einem harten Soundtrack und Dialogen die mächtig vulgär sind, dafür aber auch flüssig und echt, nicht aufgesetzt wirken; inszeniert in klaren, kalten Farben, so sauber, schnitzerfrei und eloquent als wäre Yildirim ein alter Hase auf dem Regiestuhl.  

Ein besonderer Coup ist dabei die Besetzung – nicht nur weil Bleibtreu und Moschitto schlicht gute Schauspieler sind, sondern auch weil sie beide grundsätzlich sympathisch wirkende Typen sind, was ziemlich wichtig ist, da Yildirim ihnen überaus widersprüchliche, aber gerade dadurch glaubhafte, Charaktere zugedacht hat: Einerseits liebenswerte Familienmenschen, besorgt um jene die ihnen nahe stehen, andererseits kriminell, brutal, gewalttätig. Ein Abziehbild der alten Weisheit: Auch die übelsten Schlächter können bisweilen überraschend nette Menschen sein. 
Damit sich die Zuschauer angesichts der jähen Gewaltsausbrüche nicht distanzieren und wirklich mitfiebern, ist es extrem wichtig, dass beide, der von Moschitto gespielte Isa (= Jesus) mehr noch als Bleibtreus Brownie, trotz aller Schattenseiten sympathisch bleiben.
Es ist also ein ziemlich schmaler Grad auf dem sich Yildirim da bewegt, und er nimmt ihn dank der gelungenen Besetzung mit Bravour:  Obwohl  Storyverlauf, Farben, Inszenierung, die Musik, einfach alles an diesem Film nach einem bösen Ende schreit, hofft man doch, Isa möge den Absprung schaffen und sucht bis zum Schluss nach einem möglichen Ausweg. 
Aber: Um die Sache abzurunden, ist freundlicherweise nicht alles mitfiebern, vor allem am Anfang darf auch mehr als einmal gelacht werden. 
Und das I-Tüpfelchen ist es schließlich, dass Yildirim es schafft, im Rahmen des Gangsterfilms ganz unaufdringlich ein durchaus politisches Thema anzuschneiden (dass, wie sich in der Berlinale-Pressekonferenz zum Film erwies und auch in Interviews nachzulesen ist, allen Beteiligten am Herzen liegt) und dabei eine recht komplexe Weltsicht offenbart. 

Fazit:  Gelungenes Debüt, das nahezu uneingeschränkt zu empfehlen ist – wer allerdings von Deutsch-Rap und/oder Vulgärsprache in die Flucht geschlagen wird, sollte einen möglichst weiten Bogen um „Chiko“ machen.





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