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'Berlin 36' - Filmplakat
'Berlin 36' - Filmplakat
© X Verleih

Kritik: Berlin '36 (2009)


Die Nazizeit ist scheinbar noch lange nicht toterzählt. Jüngster Film zum Thema: "Berlin '36". Von der Stadt in diesem Jahr sieht man allerdings fast nichts. Um sie geht es auch nur indirekt - erzählt wird die Geschichte zweier Sportler, die bei der Olympiade mitwirken wollen oder sollen.
Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit: Die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann wurde 1933 mit dem "Arierparagraphen" vom Sport ausgeschlossen, ging dann nach England und wurde dort 1934 Britische Meisterin im Hochsprung. Zur Olympiade wurde sie dann von den Nazis mit indirekter Erpressung zurückgeordert: Sie brauchten nämlich eine Vorwand-Jüdin, um die Amerikaner nicht zu vergraulen – diese drohten, die Spiele zu boykottieren, sofern keine Juden antreten dürften. Da es für Gretel kein arisches Äquivalent gab, verfielen die verantwortlichen Nazis darauf, einen verkleideten Mann im Qualifikationswettbewerb gegen sie anspringen zu lassen, um sie auf diese Weise doch noch auszuschließen.
Diese Prämisse wird dem Film als Text vorangesetzt. Und danach dann noch mal filmisch erzählt – Regisseur Kaspar Heidelbach traut entweder seiner Bildsprache nicht, oder dem Publikum viel zu wenig zu. Der behäbig lange Anlauf – mit Reißbrettdialogen – macht es einem nicht leicht, Sympathie für Gretel (Karoline Herfurth) aufzubringen.
In Fahrt kommt der Film dann im Trainingslager, wo die aufstrebenden Sportlerinnen von Trainer Waldmann (Axel Prahl) gedrillt werden, während Gretel von Klischees – bezopfte Nazizicke (Julie Engelbrecht) mit Sidekick (Thea Manzel) – drangsaliert wird und noch dazu die spröde Zimmergenossin Marie (Sebastian Urzendowsky) aufgedrängt bekommt. Prahl spielt seine Paraderolle, den raubeinigen aber gutmütigen Sympath. Womit er vor allem Herfurth auftaut, die sich in Dialogen mit ihrem Trainer tatsächlich auch für ihre Rolle warmzuspielen scheint. Weitaus echter wirkt ironischerweise Urzendowsky, als offensichtlich verkleideter Mann. Tatsächlich gelingt es ihm trotz "Maries" definitv maskulinem Äußeren, jeden Ansatz von Travestieklamotte zu vermeiden.
Die vom Produzent Gerhard Schmidt im Presseheft verkündete "ungewöhnliche Freundschaft" zwischen Gretel und Marie kommt allerdings nicht so richtig zustande. Ihre "Freundschaft" besteht fast ausschließlich aus dem gemeinsamen Außenseitertum und der mehr oder weniger erzwungenen Teilnahme am Training. Dennoch bildet ihre Beziehung das Herz des schön anzusehenden, aber keinesfalls mitreißenden Historiendramas. So richtig emotional mitgehen kann man jedoch nicht – da helfen auch die gefühlten 100 Nahaufnahmen von Herfurths holdem Antlitz nichts. Außerdem: Sobald man sich für die beiden Charaktere erwärmt hat, passiert kaum noch etwas.
Ärgerlich ist zudem die im Film diffuse und unglaubwürdige Vorgeschichte von "Marie". Er beruht tatsächlich auf Hermann – oder Dora – Ratjen, an den sich viele noch aus dem Schulunterricht (Stichwort: Gender Verification im Sport) erinnern dürften. Ratjen gab in den 50ern zu, Mitglied der Hitlerjugend gewesen zu sein und nur drei Jahre lang als Frau gelebt zu haben, was Bergmann erst 1966 herausfand.
Fazit: Eine derart außergewöhnliche Geschichte kann auch von der zahmen und oberflächlichen Inszenierung nicht kaputt gemacht werden. Immerhin bemühen sich die Hauptdarsteller redlich, die Ausstattung ist hübsch – und das war’s. Zum Schluss gibt es als Bonbon noch die echte Gretel: Die Statements der inzwischen 95jährigen lassen auf eine weitere Version hoffen, die ihrer Persönlichkeit und Geschichte mit Spannung und Gefühl gerecht wird.
Mehr über Gretel Bergmann und ihre Sicht auf die Ereignisse kann man in ihrer Autobiographie "Ich war die große jüdische Hoffnung" erfahren. Außerdem gibt es bereits zwei Fernsehfilme über sie: "Die Angst sprang mit – Die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann" (SWR, 2004) und "Hitler's Pawn – The Margaret Lambert Story" (2004), ein von Natalie Portman erzähltes Dokudrama.




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