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Tengri - Das Blau des Himmels
Tengri - Das Blau des Himmels
© Alpha Medienkontor

Kritik: Tengri - Das Blau des Himmels (2008)


Hintergrund: Der Aralsee in Asien gehörte 1960 noch zu den vier größten Seen der Erde. Gelegen innerhalb der Aralo-Kaspischen Senke in einem Becken, dem sogenannten Tiefland von Turan, war seine Flächenausdehnung doppelt so groß wie des Bundeslands Baden-Württemberg. Der See gehört je zur Hälfte Kasachstan und Usbekistan und vor 50 Jahren betrug seine Volumen noch 1040 Km³, wohingegen es 1998 gerade noch 181 Km³ waren. Der Wasserspiegel fiel bis 2003 um über 25 Meter. Die Austrocknung des Aralsees gehört damit zu den größten von Menschenhand verursachten Umweltkatastrophen. Die kontinuierliche Wasserentnahme seit der Stalinära führte zu einer weitgehenden Verlandung und dem Sterben der meisten, dort beheimateten, Fischarten. Die Fischer, die einstmals von ihrem Fang leben konnten, sind inzwischen arbeitslos.

Der Kasache Temür (Ilimbek Kalmouratov), knapp 30, war lange Fischer auf dem Aralsee, hat aber die Hoffnung aufgegeben. Für ihn gibt es keinerlei Zukunft. Seither war er Bergwerksarbeiter, arbeitete beim Bau großer Wasserstromkraftwerke, war Schmuggler und wagte sich als Illegaler nach Europa; wurde aber verhaftet und wieder nach Kasachstan abgeschoben. Er entschließt sich zu einem Neubeginn im Dorf in den kirgisischen Bergen, aus dem sein Vater stammt. Obwohl er dort selber nie gelebt hat, hofft er auf Arbeit und auf wohlwollende Aufnahme. Zu Beginn aber wird ihm im Dorf, das von den meisten Männer verlassen wurde – entweder kämpfen diese als Söldner in Afghanistan oder gingen in die großen Städte, um Geld zu verdienen – viel Misstrauen entgegengebracht. Durch die 18-jährige Amira (Albina Imasheva), die seit ihrer Kindheit im Dorf lebt, beginnt er allmählich Anschluss zu finden – und mehr: Die junge Frau gefällt ihm sehr gut und auch Amira scheint Gefallen an Temür zu finden. Aber sie ist nicht frei: Sie ist mit einem Mudschaheddin verheiratet, der sich meist in Afghanistan aufhält und kämpft und wenn er da ist, nur durch seine übertrieben gestrenge Auffassung von Islam und seine rüde Art, auffällt. Aber auch wenn Amira mit ihrer Ehe unglücklich ist, Ehebruch ist in dieser Kultur kein Kavaliersdelikt.

Betrachtet man „Tengri“ ohne jegliches Hintergrundwissen, sieht man einfach ein Ethno-Drama –oder Romanze. Es fällt nicht leicht hinter alle Sitten und Gebräuche zu steigen. Ein gewisses Grundlagenwissen über islamisch-patriarchale Gesellschaften allein reicht nicht: Die Völker dort leben immer noch nach Traditionen, die mehr an Djingis Khan erinnern. Der Islam kam erst später dorthin. Zeitlich könnte man „Tengri“ auch nicht genau einordnen, ohne zu wissen, dass die Mudschaheddin bin Ende der 1980er in Afghanistan gegen die ehemalige Besatzungsmacht Sowjetunion kämpfen. Theoretisch hätte Amiras Ehemann auch ein Taliban sein können und der Film somit einen aktuellen Bezug haben. Manche Dinge scheinen sich nie zu ändern, erhalten nur ab und an ein neues Gewand. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden erschließt sich aber sofort und durch die visuelle Natürlichkeit der Aufnahmen erhält „Tengri“ einen sehr greifbaren realen Charakter, beinahe wie in einer Spieldoku. Das Ganze hat einiges von „Romeo und Julia“, in den kirgisischen Bergen. Thema ist die große reine Liebe unter dem endlosen Blau des Himmels („Tengri“ bedeutet nichts anderes als eben das). Dieser liebreizend-ungekünstelte Charme ist es auch, der das Gefallen am Film und dem Geschehen weckt, und obwohl lange nicht viel passiert, wirkt „Tengri“ nie Langatmig. Und die zweite Hälfte wartet sogar mit einer ordentlichen Abenteuergeschichte auf.

Fazit: Der Film stellt das Spielfilmdebüt der Französin Pocheville dar und basiert auf dem wohl berühmtesten Roman, des auch hierzulande bekannten kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow: „Dshamilja“. Neben der vordergründigen Romanze ist es auch ein interessantes Kultur- Landes- und Ethnoportrait, das sich aber nur mit etwas Hintergrundwissen voll erschließt. Doch trotz dieser Schwäche, entfaltet der Film reichlich bezaubernde Momenten und eine fesselnde visuelle Art.





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