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Die kommenden Tage
Die kommenden Tage
© Universal Pictures International Germany GmbH

Kritik: Die kommenden Tage (2009)


Berlin im Jahr 2020. Überall sind Lager von Obdachlosen, Nahrungsmittel sind knapp. Wer überhaupt noch Geld für Lebensmittel hat, wird von einem Sicherheitsmann vom Supermarkt nach Hause begleitet. Auch vor Restaurants sind Gitter, der Einlass wird kontrolliert. Die Europäische Union gibt es nicht mehr, ein kleiner Rest ist zu einer Festung geworden, der von einem bewachten Grenzzaun umgeben ist.

Seit im vierten Golfkrieg um saudi-arabische Ölquellen gekämpft wird und eine Rezession die Weltwirtschaft erschüttert, hat sich manches verändert. Der Wandel ist nicht von heute auf morgen gekommen, stattdessen gab es seit dem Jahr 2012 Veränderungen, die nun acht Jahre später zu dieser Situation geführt haben. Im Jahr 2012 hat die nette Laura ihr Studium beendet, eine Job gesucht und an das private Glück geglaubt. In Hans, einem ehemaligen Mitarbeiter ihres Vaters, hatte sie ihre große Liebe gefunden. Doch ihre Beziehung zerbricht an einer genetischen Inkompatibilität, die gemeinsame Kinder unmöglich macht.
Während Laura die Entwicklungen von außen beobachtet, aber grundsätzlich an den Staat und eine positive Zukunft glaubt, ist ihre wilde Schwester Cecilia aus Liebe zu ihrem Freund Konstantin zur politischen Aktivistin geworden. Erst nehmen sie an Flashmobs gegen saudische Politiker teil, dann kommen sie in Kontakt zu einer Terrorgruppe namens „Schwarze Stürme“. Sie schließen sich der Gruppierung an, die in weiten Teilen an eine bürgerliche Variante der RAF erinnert. Ihr Ziel ist eine Veränderung der Gesellschaft, die sie notfalls auch mit Gewalt erreichen wollen.

Am Beispiel der Schwestern Laura und Cecilia Kuper erzählt Lars Kraume von der nahen Zukunft. Dabei ist das Bedrohliche an seiner Vision, dass nicht das Chaos oder das Böse regiert. Die Gesellschaft ist zwar destabilisiert, aber nicht zusammengebrochen. Und es gibt nicht einen Schuldigen für diese Entwicklung, sondern eine Gemengelage an Gründen. Deshalb haben sich die Menschen auf unterschiedliche Weise mit der Situation arrangiert. Diese divergierenden Lebenskonzepte stellt Kraume mit seinen Figuren Laura, Cecilia, Hans und Konstantin vor. Sie bieten dem Zuschauer Handlungsmuster an, die durchaus im Stereotypen verhaftet bleiben. Letztendlich bietet keine Figur Identifikationspotential, aber dadurch reflektiert der Zuschauer auch die verschiedenen Handlungsmuster. Außerdem kann sich Kraume auf seine guten Schauspieler verlassen. Sie hauchen ihren Figuren Leben ein, Bernadette Heerwagen blickt als Laura herrlich rehäugig in die Zukunft, Johanna Wokalek bringt ihren Gudrun-Ensslin-Charme in die Rolle ein, August Diehl balanciert mühelos zwischen charismatischem Verführer und psychopathischem Terroristen. Nur Daniel Brühl bleibt in seiner nicht gerade dankbaren Rolle ein wenig blass. Aber die Schauspieler schaffen es, dass der Zuschauer über Handlungslücken hinwegsieht – und sie verleihen Kraumes Zukunftsvision Glaubwürdigkeit, so dass man sogar über die plakative Namensgebung hinwegsehen kann.

Hervorzuheben ist überdies das Produktionsdesign des Films. Viele Details in der Zukunftsvision erscheinen normal: ein faltbares iPad, Monitore an Taxis und eine Operation am lebenden Fötus sind selbstverständlicher Teil der nahen Zukunft. Deshalb nimmt der Zuschauer den Film nicht als Science Fiction war, sondern als realistischen Blick in eine gar nicht mehr ferne Zeit. Zugleich verstärkt die Ausstattung die Wirkung des Films: Während der technische Fortschritt ungestört voranschreitet, bricht die soziale Ordnung zusammen. Sieht so unsere nahe Zukunft aus?

Fazit: Lars Kraumes‘ Zukunftsvision ist episches deutsches Kino, das dank der guten Darsteller und der tollen Ausstattung dem Zuschauer zwei interessante Stunden beschert.




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