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X-Men: Erste Entscheidung - Hauptplakat
X-Men: Erste Entscheidung - Hauptplakat
© 20th Century Fox

Kritik: X-Men: Erste Entscheidung (2010)


Es war 1963, als Marvels Mutanten zum ersten Mal das Licht der Welt erblickten. Ein Jahr großer gesellschaftlicher Umwälzungen und zugleich die Zeit, in der der Kalte Krieg seinen Höhepunkt erreichte. Wenige Monate zuvor, im Oktober 1962, stand die Menschheit vor dem nuklearen Holocaust, als die Supermächte USA und die damalige Sowjetunion während der Kuba-Krise auf Konfrontationskurs gingen. Zeitgleich tobten in den USA Rassenunruhen und die militärischen Entscheider bereiteten sich insgeheim auf den nächsten militärischen Konflikt in Südostasien vor. Der damalige Präsident, John F. Kennedy, versuchte indes sein Land gesellschaftlich zu einen und der Diskriminierung afroamerikanischer Minderheiten ein Ende zu bereiten. Darüber hinaus, wenn möglich, wollte er nach dem Koreakrieg nicht schon wieder in Vietnam zu Felde ziehen. Zumindest setzte er durch, dass Schwarze an Universitäten studieren durften. Der Krieg in Vietnam war aber wichtiger als Mann und Amt, was dazu führte, dass es zu einem stillen Putsch kam oder, wenn man die offizielle Version lieber mag: Lee Harvey Oswald Kennedy am 24. November 1963 in Dallas erschoss.

Die "X-Men" als pop-literarisches Produkt dieser Zeit spiegeln wie kaum eine andere Superhelden-Truppe den Geist dieser Periode wider. Als andersartige Minorität, die erst gefürchtet und anschließend geächtet wird, geraten ihre Storys zur steten Metapher wie Allegorie auf Rassismus, Diskriminierung und Apartheid. Nachdem mit den drei ersten "X-Men"-Filmen thematisiert wurde, dass der Konflikt kaum vermeidlich ist und die Menschheit auch im 21. Jahrhundert Toleranz noch nicht wirklich gelernt hat, entschied man sich nun an die Anfänge zurückzukehren und die Entstehungsgeschichte von Xaviers Schule für junge Begabte zu erzählen. Zugleich ist es auch ein Film über die Freundschaft zweier unterschiedlicher Männer – Professor Charles Xavier (James McAvoy) und Erik Lehnsherr (Michael Fassbender) – die im Grunde Ähnliches wollten; allerdings mit ganz unterschiedlichen Mitteln. Zu Beginn steht aber eine ganz andere unsägliche Zeit im Mittelpunkt. Die historische Periode, die den Begriff Rassismus auf eine Weise definierte, wie sie die Welt noch nie zuvor erlebt hatte.

Als Jugendlicher wird Erik Lehnsherr (Bill Milner) in den 1940ern Jahren in ein deutsches Konzentrationslager deportiert. Als man ihn von seinen Eltern wegreißt, erwachen seine Mutantenkräfte: Er besitzt Macht über alle magnetischen Metalle, fast gelingt es ihm damit die Zäune niederzureißen, die ihn von seinen Eltern trennen. Zufälliger Beobachter dieser Szene wird Sebastian Shaw ein gewissenloser Nazi-Wissenschaftler und selbst Mutant. Er möchte Eriks Kräfte erforschen, doch Erik hat noch keine Kontrolle über diese. Daraufhin erschießt Shaw Eriks Mutter vor dessen Augen, um einen Wutanfall bei dem Jungen auszulösen – was auch gelingt. Damit schafft er sich zugleich einen Feind, dessen einziges Ziel im Leben sein wird, Shaw eines Tages zu finden und zu töten.

Zurück in den 1960ern geht es in klassischer James-Bond-Manier weiter: Eine Gruppe Mutanten unter Führung von Shaw, die, um ihre Ziel zu erreichen, mit den Sowjets kollaborieren, versucht einen Atomkrieg anzuzetteln. Die dabei frei werdende radioaktive Strahlung wird alle Menschen töten, die Kräfte der Mutanten hingegen stärken. Aus dieser globalen Vernichtung wird somit eine neue Superspezies hervorgehen. Das zu verhindern versuchen der amerikanische Geheimdienst, repräsentiert von der attraktiven Agentin Moira McTaggert (Rose Byrne) und Charles Xavier sowie eine bunte Truppe junger Leute mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Leidlich verworren geht es bei diesem Prequel zu, bis der Film einigermaßen zu einem ordentlichen Rhythmus findet. Zu Beginn springt die Geschichte von Ort zu Ort und einer Handlungslinie zur nächsten. Gewöhnungsbedürftig erscheint überdies die Mischung aus Superheldenfilm und Spionagethriller. Die Hauptdarsteller mühen sich aber nach Kräften ihren Figuren Leben und Authentizität zu verleihen, was immer wieder für gewinnende Momente sorgt; wenn auch das Ringen um Magnetos Seele durchaus eine Vertiefung vertragen hätte. Leider bleiben aber viele der Nebenfiguren zu steril, da sie geradewegs aus dem Nichts in die Handlung befördert werden. Eklatant deutlich wird dies vor allem bei einigen der Bösewichter, die lediglich die Funktion wahrnehmen, böse zu gucken und schlimme Dinge anzustellen.

Trotz dieser Schwächen und gewisser Logiklücken was die Kontinuität den alten Filmen gegenüber angeht, die nun mal danach spielen, wartet "X-Men: Erste Entscheidung" mit einer, für ein Popcorn-Movie, halbwegs anspruchsvollen Geschichte auf, die in eine andere Ära entführt. Und zumindest was das Interieur, Setdesign und den Retrolook angeht, kann man sich nicht beschweren. Wie es sich für solch einem Film gehört gibt es darüber hinaus auch ordentlich Action und Spezialeffekte, die einen soliden Eindruck hinterlassen, wenngleich sie sich nicht unbedingt auf Augenhöhe mit denen der Vorgängerfilme befinden. Als Auftakt zu einer neuen Trilogie um Xaviers Mutantentruppe macht der Film insgesamt dennoch neugierig auf mehr, was vermutlich auch nicht allzu lange auf sich warten lassen wird.

Fazit: Eine andere Zeit, die größte Krise der Menschheitsgeschichte, viele neue Charaktere mit extraordinären Talenten und zwei Freunde, die zu Feinden werden sollten. Dazu gesellt sich Sixties-Feeling und eine typische Spionagethriller-Atmosphäre mit einem Größenwahnsinnigen, der die Weltherrschaft an sich reißen möchte. Viele Zutaten für ein grandioses Gericht, aber irgendwie will sich nicht alles wirklich harmonisch zusammenfügen. So bleibt es schlussendlich bei gehobenem Mainstream-Durchschnitt.





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