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Frankenweenie
Frankenweenie
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Kritik: Frankenweenie (2012)


Tim Burton bleibt sich mit seinem neuen Film "Frankenweenie" treu. In regelrecht alt bekannter, wie in unerwartet, neuer Hinsicht: Wie so oft gesehen, setzt der Regisseur und Künstler auf das bewährte Team rund um Stammkomponist Danny Elfmann. Wieder kreiert er einen Stop-Motion Nischen-Trickfilm, der sich der Hegemonie computeranimierter Disney-Blockbuster nicht fügsam machen will und - wie bereits zuvor in "Nightmare Before Christmas" und "Corpse Bride" gesehen - abseits geregelter Sehgewohnheiten seinem eigensinnigen Credo und Charisma folgt.
Doch diesmal ist etwas anders, etwas unerwartet und wirkt doch so vertraut: Hinzukommend zum liebkosenden Zitat an Filmgeschichte und Kultur, erklärt sich Burton selbst zum Zitatgut. Der Kurzfilm "Frankenweenie" bedeutete 1984 Burtons Startschuss als Regisseur. Und so ist der Langfilm nun heimliche Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, wie das glückselige Schwadronieren im eigenen nostalgischen Nähkästchen. Der Mann, der seit über 40 Jahren im Geschäft tätigt ist, schließt den Kreis und feiert heimlich sich und sein Kino.

Im Retrolook gehalten, erhält das deutsche Kinopublikum einen liebevoll animierten Grusel-Film, der in seiner Farblosigkeit eine ganz spezielle emotionale Tiefe und optische Einzigartigkeit ausstrahlt. Der geschlossene Kreis ist nicht das einzig kreisförmige an der Langversion von "Frankenweenie". Burton verpackt eine Art Best Of seiner Stilmittel, Motive und Vorlieben. Das ist, einfach gesagt, nichts neues – und so darf man nach "Frankenweenie" hoffen, dass Burton sein filmisches Erbe in Zukunft mit neuen Facetten schmücken möge. Ansonsten wird aus dem geschlossenen, ein sich wiederholender Kreis.

Bereits in "Dark Shadows" überlud Burton seine Vampir-Groteske mit Anspielungen auf das popkulturelle Zeitalter, wie auf Film und Fernsehgeschichte. Nun zieht er, unvorstellbar wie es klingt, diese Schraube noch einmal ein Stückchen weiter an und komplimentiert dieses aberwitzige Szenario mit der Hommage an sich selbst. Feine Anspielungen, kleine Querverweise: Der Teufel steckt im Detail, lässt sich aber auch in der Oberfläche seines Stop-Motion-Films gut wiederfinden. Vordergründig geht es dem Regisseur, wie schon in seinem Kurzfilm, um die Persiflage des Frankenstein-Romans und dessen zahlreiche Verfilmungen. Dies geschieht derweilen in der Offensichtlichkeit des wiederbelebten Hundes Sparky, dessen Schrauben am Hals natürlich nicht fehlen dürfen, aber auch in versteckten Kleinigkeiten, die sich vor allem für Fans des Frankenstein-Originals ergeben werden. Doch nicht nur Frankenstein, sondern besonders der Monster-Film der frühen 50er und 60er Jahre – mit Vorliebe aus Japan – spielt eine große Rolle. Allesamt ironisiert durch das Element des lieben Haustieres.
Größte Änderung im Vergleich zum Frankenweenie-Kurzfilm ist die Verlängerung des Schlussakts, der durch das Auftauchen so mancher Kreaturen verlängert wird. Ansonsten aber hält sich Burton penibel an seine Kurzfilmgeschichte, verlängert lediglich gekonnt einige Stellen und reizt seine Geschichte ein Stück weiter aus. Damit verleiht er seinen Figuren größere Tiefe, die liebevolle Gestaltung der Miniaturfiguren grenzt sich wie so oft vom computeranimierten Look ab. Die Figuren erhalten mehr Seele und mehr Charisma. In ihrem farblosen Glanz kommen sie gänzlich ungewohnt daher.

Das nach den Filmarbeiten konvertierte dreidimensionale Aussehen mag da im Widerspruch zur eigentlichen Essenz stehen und ist schlussendlich leider auch überflüssig. Vielleicht war es auch ein Eingeständnis Burtons, der Kompromisse mit dem Produktionsstudio Disney eingehen musste um die Schwarz-weiß-Optik durchzusetzen. "Frankenweenie" kann also getrost ohne teures Zusatzgerät genossen werden, ein Mehrwert stellt sich allenfalls selten ein. Zwar untergräbt der Effekt den Film nicht, doch wirkt das Szenario dadurch ambivalenter. Retroposition in dritter Dimension. Man stelle sich mal "The Artist" mit 3D-Brillen vor. Ebenso merkwürdig.

Viel interessanter ist Burtons inszenierungstechnische Anspielungen auf das Stummfilmkino der 20er und 30er Jahre. Sein Erzähltempo ist gemäßigt, seine Schnitte rar gesetzt und die Arbeit mit altmodischen Überblenden verschleppen das Tempo. Vervollständigt wird dadurch der angestaubte Look, der den Film in seiner ganz eigenen Sphäre verlaufen lässt. "Frankenweenie" ist besonders, weil ihn die Sehgewohnheiten seines Zuschauers wenig interessieren. "Frankenweenie" ist der Nischen-Trickfilm schlechthin: Keine krachenden Explosionen, keine pausenlosen Verfolgungsjagden, keine Hochglanzoptik. "Frankenweenie" steht für sich, wie sein Regisseur in seiner Eigenart für sich steht.

Fazit: Eine Hommage an sich selbst, eine Hommage an den Stummfilm der 20er und 30er Jahre, eine Persiflage in seiner mit Zitaten vollgestopften Vollendung und ein optisches Kunstwerk. Das ist "Frankenweenie", dass ist Tim Burton 2012. Angestaubte Farblosigkeit trifft auf die Modernität des 3D-Effekts. Ein großartiger Spaß!




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