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'Neukölln Unlimited'
'Neukölln Unlimited'
© Gmfilms

Kritik: Neukölln Unlimited (2010)


Das Jugendliche gute Filme erkennen, wenn sie denn welche zu sehen bekommen, mag man angesichts der weitverbreiteten Vorliebe für Brachial-Komödien und Teenie-Schmonzetten unglaublich finden. Die Berlinale Sparte "Generations" mit ihrem Wettbewerb aber beweist ein ums andere Jahr dass der Kinogänger-Nachwuchs durchaus einen guten Filmgeschmack hat. So ernannten die Mitglieder der Jugendjury 2010 mit "Neukölln Unlimited eine so herausragende wie wichtige Dokumentationüber eine in Berlin-Neukölln lebende, seit 16 Jahren permanent von Abschiebung bedrohte libanesische Familie zu ihrem Favoriten.
Die drei Protagonisten der Dokumenation, die Geschwister Lial, Hassan und Maradona, 19,18 und 14 Jahre alt, gewähren freimütig Einblick in eine Lebenssituation, die sie mit Tausenden in Deutschland aufgewachsenen Ausländern gemein haben - eine Situation, die für all jene von Geburt an mit einem deutschen Pass Beglückte nahezu unvorstellbar ist. Die Kamera folgt ihnen dafür auf Schritt und Tritt, in die heimische Wohnung, in die Schule, zur Ausbildungsstelle und zu den Breakdance- und Gesangscontests, an denen die talentierten Teens in ihrer Freizeit teilnehmen.
Mit einigen Animationselementen und einem guten, HipHop-lastigen Soundtrack flott inszeniert von Agostino Imondi und Dietmar Ratsch offenbart der Film dabei, ohne belehrend zu sein, die Merkwürdig- und Ungerechtigkeiten des deutschen Ausländerrechts und wirft eine ganze Reihe von Fragen auf: Wie kann es beispielsweise sein, dass die zwei ältesten Geschwister eine befristete Aufenthaltsgenehmigung erhalten, ihre Mutter und die jüngeren, in Deutschland geborenen Geschwister aber allen Ernstes abgeschoben werden sollen? Wie kommt man überhaupt auf die merkwürdige Idee, in Deutschland geborene Jugendliche in eine angebliche Heimat abzuschieben, die sie tatsächlich noch nie gesehen haben und deren Sprache sie allenfalls bruchstückhaft verstehen? Ist es 65 Jahre nach Kriegsende nicht langsam an der Zeit, den Gedanken vom "deutschen Blut", auf dem das Ausländerrecht ja nach wie vor basiert, ad acta zu legen und endlich unterschiedslos Verantwortung für alle, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, zu übernehmen? Verstößt es nicht gegen die Menschenrechte, eine Familie 16 Jahre lang in einem Ausnahmezustand, in permanenter Angst vor der Abschiebung, leben zu lassen? Wie würde man selbst wohl reagieren, wenn man, wie den Geschwistern bereits geschehen, mit 9, 15 oder 17 Jahren morgens von der Polizei aus dem Bett geschmissen und in ein fremdes Land verfrachtet wird? Müsste man nicht eigentlich den Hut ziehen vor diesen Jugendlichen, die trotz dieser Erlebnisse und dauerhaften Belastung ihr Leben weitestgehend auf die Reihe bekommen? Muss man sich als Deutscher, dafür, wie mit dieser und anderen Familien umgesprungen wird, nicht in Grund und Boden schämen?

Fazit: Hervorragende Doku mit gutem Soundtrack, die seltene Einblicke in das Leben einer von Abschiebung bedrohten libanesischen Familie gewährt - und einem an der Sinnhaftigkeit des deutschen Ausländerrechts ernsthaft zweifeln lässt.





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