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Im Bazar der Geschlechter
Im Bazar der Geschlechter
© www.imbazar-derfilm.at

Kritik: Im Bazar der Geschlechter (2010)


Der Islam gilt nicht unbedingt als ausgesprochen weltoffene Religion. Der religiöse Strafenkatalog ist rigide und wird in den sogenannten Gottesstaaten sogar als Grundlage für die weltliche Gerichtsbarkeit genommen. Die Sexualmoral degradiert Frauen zu nichtselbstbestimmten Wesen, während sie den Mann in die Lage versetzt sogar mehrere Ehefrauen haben zu können, wenn er sie denn alle ernähren kann.
Der Iran ist dies betreffend geradezu ein Paradebeispiel: Ein Land, in dem für Ehebruch der Tod durch Steinigung steht - wenn es inzwischen auch Bestrebungen gibt, dies durch das "humanere" Erhängen zu ersetzen. Prostitution ist natürlich ebenso strikt untersagt, wilde Ehen werden generell nicht toleriert, sie gelten als Unzucht, und auf die Auslebung homosexueller Präferenzen steht ebenfalls die Todesstrafe. Gerade aber im Iran wird eine Ausnahmeklausel des Islam betreffend des "Zusammenlebens auf Probe" angewendet: Es handelt sich um die Zeitehe. Eine Vereinbarung, die beispielsweise zwei Geschiedene (Scheidungen sind tatsächlich keine Seltenheit und weitaus unkomplizierter als man meinen könnte) treffen. Der Mann bezahlt dabei der Frau ein vorher vereinbartes Brautgeld für einen bestimmten Zeitraum der Gültigkeit dieser Zeitehe, samt all ihren Konsequenzen. Klingt vermeintlich nach einem Arrangement, das allen zugute kommt.
Die Regisseurin Sudabeh Mortezai geht dieser kuriosen Gepflogenheit in ihrem Dokumentarfilm "Im Bazar der Geschlechter" nach. Exemplarisch nimmt sie sich einige sehr unterschiedliche Menschen dafür raus, die alle, auf die eine oder andere Weise, mit dieser Tradition etwas zu tun haben. Sei es der nicht mehr ganz junge Taxifahrer, der an die wirkliche Liebe nicht mehr glaubt, aber manchmal nicht gerne allein ist; oder eine Frau, die von ihrem gewalttätigen Mann geschieden wurde, mit Kindern aber kaum die Chance hat, eine reguläre Ehe wieder eingehen zu können. Für sie ist dieses Arrangement sogar ein notwendiges Übel, ohne das sie nicht überleben könnte. Und zuletzt ist da noch ein Geistlicher, der sich über die immer weitere verkommende Sexualmoral seiner Landsleute echauffiert und versucht die alten Traditionen zu verteidigen.
Im Bazar der Geschlechter ist sicherlich kein Doku-Trip im Michael-Moore-Stil, dafür ungemein informativ, aufklärerisch und letzten Endes auch entlarvend. Mortezai zeigt in ihrem Film die vielen Facetten dieser Ausnahmeregelung, von der Möglichkeit sich gewisse Papiere zu beschaffen, an die Singles nicht herankommen würden, bis hin zu einer Form "staatlich gebilligter Prostitution".

Fazit: "Im Bazar der Geschlechter" liefert Einblicke in eine oft verschrieene Religion, dass man mitunter mit den Ohren schlackert. Wer meinte, er wüsste schon das meiste über den Islam, wird hier eines Besseren belehrt.





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