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Herr Wichmann aus der dritten Reihe
Herr Wichmann aus der dritten Reihe
© Piffl Medien

Kritik: Herr Wichmann aus der dritten Reihe (2012)


Vor knapp zehn Jahren drehte Andreas Dresen über den Versuch des CDU-Mitglieds Henryk Wichmann, als jüngster Direktkandidat in den Bundestag einzuziehen, den sehr sehenswerten Dokumentarfilm "Herr Wichmann aus der CDU". Damals gelang es Henryk Wichmann nicht, den starken SPD-Gegenkandidaten in seinem Wahlkreis in Brandenburg zu besiegen. Nun gibt es in "Herr Wichmann aus der dritten Reihe" ein gelungenes Wiedersehen mit dem Politiker, der mittlerweile als Nachrücker in den brandenburgischen Landtag eingezogen ist.

Ein Jahr lang hat Andreas Dresen Henryk Wichmann in seinem Alltag begleitet. Bereits während seines Bundestagswahlkampfes wollte Henryk Wichmann ein bürgernaher Politiker sein, und an diesem Vorhaben hält er weiterhin fest. Zwischen Sitzungen im Landtag und Besprechungen ist er daher vor allem im Einsatz zu sehen: Er betreibt in seinem Wahlkreis Uckermark III/Oberhavel IV drei Bürgerbüros, in denen er sich um die Anliegen der Bürger kümmert, besucht Feste und veranstaltet Ortstermine. Mittlerweile kann er besser zuhören als noch vor zehn Jahren und kümmert sich bisweilen bemerkenswert engagiert um einzelne Probleme – wie beispielsweise der gescheiterte Versuch eines Hartz-IV-Empfängers, eine andere Wohnung zu bekommen. Schnell und unverdrossen in seinen Handlungen, nimmt sich Henryk Wichmann auch Problemen an, die schon seit Jahrzehnten ungelöst sind. So schwelt seit 15 Jahren ein Konflikt zwischen Naturschützern und Tourismusbetrieben, inwiefern das langsame Durchqueren einer Fahrrinne zwischen Oberem und Unterem Uckersee den Lebensraum der Bartmeise zu sehr beeinträchtigen würde. Kaum einer der Landespolitiker glaubt noch daran, dass dieser Konflikt gelöst werden kann. Aber Herr Wichmann versucht es wie Don Quijote weiter.

Vor allem macht Andreas Dresens Film deutlich, wie kleinteilig und mühsam Landespolitik ist. Es geht hier nicht um Ideen und Konzepte, sondern um einen Radweg von Berlin nach Usedom, der seit acht Jahren nicht ausgebaut werden kann, weil sich Naturschützer und Politiker nicht einig werden. In seinem aufschlussreichen Blick in die Politik belässt es der Film aber nicht mit der Seite der Politiker, sondern es erstaunt ein ums andere Mal, mit welchen Kleinigkeiten die Menschen zu Henryk Wichmann kommen und wie sehr sie in ihren Vorurteilen gefangen sind. So wird moniert, dass sich die Politiker nicht um die Menschen kümmerten, obwohl Herr Wichmann doch gerade vor Ort ist. Oder es werden die üblichen Plattitüden von den vermeintlich zu hohen Diäten der Abgeordneten losgelassen. Dadurch wird sehr deutlich, dass Demokratie gerade die Beteiligung der Bürger braucht. Und für diese Erkenntnisse braucht man noch nicht einmal die Ansichten von Henryk Wichmann zu teilen.

Wie im ersten Teil lässt Andreas Dresen seinen Protagonisten unkommentiert vor der Kamera agieren, es gibt lediglich einige Gespräche im Auto. Durch die Montage des Materials entsteht ein nachdrückliches Bild von der Landespolitik, aber es gibt auch einige komische Momente. Bei den Aufnahmen im Landtag fasst die Kamera das Geschehen ein, über das Mikrofon sind aber nur die Gespräche und Anmerkungen zu hören, die Henryk Wichmann macht. Das ist ein Teil seines Alltags. Wie schon im Bundestagswahlkampf schießt Henryk Wichmann so manches Mal über das Ziel hinaus und lässt sich zu absurd anmutenden Aktionen hinreißen. Aber man muss anerkennen, dass er ein engagierter Politiker ist – und auch nach zehn Jahren Politikbetrieb seine Leidenschaft nicht verloren hat.

Fazit: Man muss Herrn Wichmanns politische Überzeugung nicht teilen, um festzustellen, wie hart Landespolitik ist. Dieser Film ist eine vergnügliche und aufschlussreiche Lehrstunde über Politik in Deutschland. Unbedingt ansehen!




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