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Der ganz große Traum
Der ganz große Traum
© Senator Film

Kritik: Der ganz große Traum (2010)


Es gibt gute Fußballfilme: „Fever Pitch“, „Looking for Eric“ oder auch „Kick it like Beckham“ gehören dazu. Es gibt auch gute Filme über die Jugend – „Der Club der toten Dichter“ ist hier wohl zuvorderst zu nennen. „Der ganz große Traum“ von Sebastian Grobler ist nun weder ein besonders guter Fußball- noch Jugendfilm. Stattdessen bleibt er gemütlich im Mittelfeld.

Braunschweig im Jahr 1874. Der junge Englischlehrer Konrad Koch (Daniel Brühl) kehrt nach einem jahrelangen England-Aufenthalt zurück in seine Heimatstadt, um an einem Gymnasium Englisch zu unterrichten. Seine Anstellung ist ein Experiment des aufgeschlossenen Direktors Gustav Merfeld (Burghart Klaußner), das der einflussreiche Förderverein nur ungern bewilligt hat. Aber Koch nimmt die Herausforderung an und stößt mit seinen Unterrichtsmethoden schon bald an seine Grenzen. Also greift er zu seinem letzten Strohhalm: dem aus England mitgebrachten Fußball. Er bringt seine Untertertia mit dem neuen Spiel in Berührung und lehrt neue Begriffe wie „defend“, „foul“ und vor allem „fair play“. Die Schüler sind für das Spiel schnell entflammt, selbst der Arbeitersohn Joost Bernstedt integriert sich dadurch endlich in die Klasse. Doch das konservative Lehrerkollegium und vor allem der Fördervereinsvorsitzende Richard Hartung (Justus von Dohnanyi) sehen dieses „barbarische Spiel“ mit Entsetzen und wollen Kochs Treiben ein Ende setzen.

Grundsätzlich ist es ein spannendes Unterfangen, die Anfänge des Fußballs in Deutschland zu erzählen. Nun schildert der Film seine eigene Version der Geschichte, an der lediglich noch die Eckdaten stimmen. Aber das ist ein legitimes Verfahren, schließlich ist „Der ganz große Traum“ ein Spielfilm und keine Dokumentation. Und gerade aus den Abweichungen entwickelt er eine Reihe komischer Einfälle.
Dass er dennoch über Mittelmaß nicht hinauskommt, liegt an der vorhersehbaren Handlung und der Scheu vor jeglichem Risiko. Stattdessen wird im Film ein Loblied auf die integrative Kraft des Fußballs gesungen, aber diesem Thema werden keine neuen Seiten abgewonnen. Selbst bei den Charakteren genügt ein Blick zur Einordnung: der schnöselige reiche Junge mit seinem verbitterten Übervater; der nette dicke Junge mit einem rauen, aber herzlichen Vater; das arme kleine Arbeiterkind mit seiner hübschen, hart arbeitenden Mutter; der böse Geschichtslehrer und schließlich der nette Herr Koch sind Stereotype, die schon in jedem Fernsehfilm zu Hause sind. Hinzu kommen Gags, die aus Pennälerfilmen bestens bekannt sind – und natürlich entspinnt sich zwischen Arbeiterkindmutter und Herrn Koch eine zarte, völlig unnötige Romanze.

Dass der Film dennoch ganz gut unterhält, hat er vor allem seiner tadellosen Ausstattung und einigen gelungenen Gags zu verdanken. Gerade das Spiel mit den Vorurteilen gegenüber England ist witzig und scheint bewusst zeitwidrig platziert zu sein. Auch Daniel Brühls Modernität ist nicht zeitgemäß, aber auch durch diesen Anachronismus gewinnt der Film viel. Darüber hinaus ist Justus Von Dohnanyi ein herrlich unsympathischer reicher konservativer Gegenspieler, der viele abwehrende Gefühle hervorruft. Wenn nun noch die Erzählhaltung mutiger oder wenigstens ironischer gewesen wäre, hätte aus „Der ganz große Traum“ ein wenigstens halbwegs großer Film werden können.

Fazit: „Der ganz große Traum“ ist ein in allen Belangen mäßiger Film, der seine Zuschauer mit altbekannten Zutaten unterhält, aber jeglichem Risiko aus dem Weg geht.




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