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Von Menschen und Göttern (2010)

Des hommes et des dieux

Französisches Drama von Xavier Beauvois mit Lambert Wilson und Michael Lonsdale.User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4.3 / 5

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In einem Kloster in den Bergen Algeriens leben neun französische Mönche ein friedliches, asketisches Leben, ihrem Glauben und der Hilfe anderer verpflichtet. Aus den unwegsamen Berghängen vor den Klostermauern haben sie blühende Gärten geschaffen, die Menschen aus den umliegenden Dörfern finden bei ihnen immer Unterstützung, ob bei medizinischen Fragen oder anderen Nöten. Als in der Nähe des Klosters eine Gruppe von Gastarbeitern von islamistischen Rebellen getötet wird, wird den Mönchen jedoch klar, dass der schon lange schwelende Konflikt zwischen algerischen Regierungstruppen und den Rebellen immer näher an sie herankommt. Er wird auch vor den Toren ihres Klosters nicht halt machen, und ihr christlicher Glaube kann sie in große Gefahr bringen. Man legt ihnen nahe, das Kloster zu verlassen, doch sie zögern.


Die gemeinsamen Jahre haben sie zu mehr als einer Glaubensgemeinschaft gemacht, sie sind Freunde, eine Familie geworden, die in der Abgeschiedenheit der Berge ihre Heimat gefunden hat. Die Mönche diskutieren, zweifeln, kämpfen mit sich – und entscheiden, dass sie gerade in dieser Situation bleiben müssen und wollen. Jetzt und hier, an diesem Ort werden sie am meisten gebraucht – ungeachtet der Gefahr, der sie sich persönlich aussetzen.

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Filmkritik

Nach einer wahren Begebenheit erzählt Xavier Beauvois in "Von Menschen und Göttern" von einer Gruppe französischer Trappisten-Mönche, die Mitte der 1990er Jahre zwischen die Fronten des Algerienkrieges geraten – und dabei ihr Leben lassen müssen. Doch weniger der Konflikt mit den Terroristen auf der einen und der korrupten Armee auf der anderen Seite bestimmt diesen Film, sondern die Sehnsucht des Menschen nach Selbstbestimmung und Humanität.

Leicht hätte Xavier Beauvois mit diesem Film scheitern können. Er hätte die Mönche heroisieren, die Terroristen und Soldaten dämonisieren können, er hätte aus dem Stoff einen Actionstreifen machen oder sich allein auf den Konflikt zwischen den Religionen konzentrieren können. Doch Beauvois wählt einen anderen Weg. Er verweigert sich der bis heute ungeklärten Frage, wer die Mönche aus welchen Motiven ermordet hat. Stattdessen versucht er zu ergründen, warum die Mönche trotz der Warnungen und Gefahren in ihrem Kloster im Altasgebirge geblieben sind. Hierzu erhält er in aller Ruhe von dem ritualisierten Klosteralltag und dem Leben der Mönche in der algerischen Stadt Tibhirine. Dabei weckt insbesondere die Darstellung des Klosterlebens ungeahnte Sehnsüchte in dem Zuschauer. Es ist weniger dessen Religiosität als vielmehr die Ruhe dieses Lebens, die verheißungsvoll erscheint. Wenn die Mönche konzentriert ihre Arbeiten verrichten, in Gedanken versunken sind, sich Schriften widmen oder ihr Gewissen erforschen, wird die verlockende Entschleunigung dieses Lebens deutlich. Darüber hinaus sind die Mönche keine ätherischen Wesen, sondern sie werden in einen Kontext gerückt, der viele Berührungspunkte mit dem Zuschauer aufweist: Sie haben Familie, eine Vergangenheit und oftmals bürgerliche Berufe vor dem Klosterleben ausgeübt; sie streiten sich, haben Angst und verstecken sich feige. Dadurch wirkt es vollkommen ungestellt, wenn die Mönche in ziviler Kleidung an der Feier zur Beschneidung eines Jungen teilnehmen oder auf dem Markt ihre Waren verkaufen. Sie sind selbstverständlicher Teil des Lebens in dieser Gegend, sie missionieren nicht, sondern werden von einer Bewohnerin als Baum beschrieben, auf dem die Menschen gleichsam wie Vögel in Sicherheit sitzen können.

Insgesamt verweigert sich Beauvois jeglicher Schwarz-weiß-Zeichnung seiner Figuren – es sind die Taten der Mönche, die Bewunderung hervorrufen. So sind die Bewohner von Tibhirine keine fanatischen Moslems, sondern sie wollen in Ruhe und Toleranz leben. Die brutalen Taten der GIA (Groupe Islamique Armé) verurteilen sie, sie können diesen Fanatismus nicht verstehen und verabscheuen die Gewalt und Radikalität. Und selbst einem Terroristenführer gesteht Beauvois einen bemerkenswerten Moment zu, in dem er seine Korankenntnis und Achtung vor Jesus zum Ausdruck bringen kann.

Nach seiner Uraufführung in Cannes wurde "Von Menschen und Göttern" ein großes Medienecho zuteil, der Film gewann den Großen Preis der Jury und lockte in Frankreich Besucherströme ins Kino. Tatsächlich ist das Sujet des Films aktueller denn je: Er erzählt von dem Zusammenleben von Menschen verschiedenster Religionszugehörigkeiten mit all seinen Facetten. Die Schwierigkeiten dieses Lebens fasst Beauvois in ein eindrucksvolles Bild, in dem die Mönche versuchen, gegen den bedrohlichen Lärm eines das Kloster überfliegenden Armeehubschraubers anzusingen. Vereint wollen sie sich den Kräften entgegenstellen, die doch übermächtig und vor allem gesichtslos sind. Dieses Bild wirkt lange nach und symbolisiert das scheinbar aussichtslose Aufbegehren der Menschlichkeit gegen die Maschinerie des Bürgerkrieges. Da ist es umso bedauerlicher, dass die Gesänge der Mönche, die einen breiten Raum in dem Film einnehmen, nicht auch synchronisiert wurden.

In "Von Menschen und Göttern" sind emotionalisierende Mittel nur selten eingesetzt, stattdessen herrscht ein sehr ruhiger, konzentrierter Erzählton vor. Erst am Ende des Films durchbricht Beauvois dieses Muster. Die Mönche versammeln sich zu einem Essen, das zum letzten Abendmahl wird. Untermalt von Tschaikowskys "Schwanensee" werden die Mönche von ihren unterdrückten Gefühlen übermannt. Jeder Mönch wird nochmals in einer Großaufnahme gezeigt, sie erhalten einen letzten Augenblick. Das ist ein großer, ein sehr berührender, kartharsischer Moment. Und gerade weil der Film sehr spärlich mit Emotionen und Musik umgeht, entfaltet diese Szene große Wirkung.

Fazit: Mit kontemplativer Gelassenheit inszeniert Xavier Beauvois einen großartigen Film über Menschlichkeit, Liebe und Glaubwürdigkeit. Ein Ereignis!




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Filminfos & CreditsAlles anzeigen

Land: Frankreich
Jahr: 2010
Genre: Drama
Länge: 120 Minuten
FSK: 12
Kinostart: 16.12.2010
Regie: Xavier Beauvois
Darsteller: Olivier Perrier, Lambert Wilson, Farid Larbi
Verleih: NFP marketing & distribution

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DAS KLOSTERLEBEN DER TRAPPISTEN Das Leben der Trappisten (Anm.: Zisterzienser der strengeren Observanz: Ordo cisterciensis strictioris observantiae, auch OCSO genannt) basiert auf der Bibel, den [...mehr] Regeln des Heiligen Benedikts von Nursia (geschrieben im 7. Jahrhundert) und den Schriften des Vaters des Mönchtums. Diese Quellen beschäftigen sich mit den traditionellen Formen des klösterlichen Gebets. Siebenmal am Tag versammeln sich die Mönche in der Kapelle zum Stundengebet, "der Liturgie der Stunden", ein im Wesentlichen auf Psalmen beruhendes Gruppengebet. Liedformen sind im Gebet und im Rhythmus des Zisterzienserlebens grundlegender Bestandteil. Die Mönche singen mit einer Stimme, um in Gemeinschaft mit dem Atem des Lebens im geistigen Kampf zu verschmelzen. Zisterziensermönche bevorzugen die Stille, die zumeist während des gesamten Tages vorherrscht. Ihr Leben ist zudem eingebettet in die geistlichen Lesungen durch den Superior (Abt oder Vorsteher) und den Gruppenaustausch, "Kapitel" genannt. Alle wichtigen Entscheidungen werden im Domkapitel (leitendes Gremium) getroffen. Zuvor im Büro des Vorstehers in einem Vier-Augen-Gespräch diskutiert, werden diese immer durch Abstimmung beschlossen. Die Trappisten verfolgen keine apostolische Mission des Evangeliums und unterlassen jeglichen Bekehrungseifer. Die Regeln des Heiligen Benedikts fordern von den Mönchen Gastfreundschaft und die Praxis des Teilens, vor allem "mit den Armen und Fremden" und mit jenen, die leiden. Sie bevorzugen körperliche Arbeit und die Pflege nachbarschaftlicher Beziehungen durch Landwirtschaft – lebensnotwendig in Zeiten von Unsicherheit und Entbehrungen. Klöster sind üblicherweise isoliert von besiedelten Gebieten, um einen kontemplativen Lebensstil inmitten der Natur zu fördern. Jeder Trappistenmönch nutzt außerdem einen Tag im Monat, um allein in der Natur zu wandern und zu meditieren. Heuten zählt der "Orden der Zisterzienser von der strengeren Observanz" (OSCO) 2.600 Mönche und 1.883 Nonnen in 96 Klöstern und 66 Konvents weltweit.

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