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Von Menschen und Göttern
Von Menschen und Göttern
© NFP

Kritik: Von Menschen und Göttern (2010)


Nach einer wahren Begebenheit erzählt Xavier Beauvois in „Von Menschen und Göttern“ von einer Gruppe französischer Trappisten-Mönche, die Mitte der 1990er Jahre zwischen die Fronten des Algerienkrieges geraten – und dabei ihr Leben lassen müssen. Doch weniger der Konflikt mit den Terroristen auf der einen und der korrupten Armee auf der anderen Seite bestimmt diesen Film, sondern die Sehnsucht des Menschen nach Selbstbestimmung und Humanität.

Leicht hätte Xavier Beauvois mit diesem Film scheitern können. Er hätte die Mönche heroisieren, die Terroristen und Soldaten dämonisieren können, er hätte aus dem Stoff einen Actionstreifen machen oder sich allein auf den Konflikt zwischen den Religionen konzentrieren können. Doch Beauvois wählt einen anderen Weg. Er verweigert sich der bis heute ungeklärten Frage, wer die Mönche aus welchen Motiven ermordet hat. Stattdessen versucht er zu ergründen, warum die Mönche trotz der Warnungen und Gefahren in ihrem Kloster im Altasgebirge geblieben sind. Hierzu erhält er in aller Ruhe von dem ritualisierten Klosteralltag und dem Leben der Mönche in der algerischen Stadt Tibhirine. Dabei weckt insbesondere die Darstellung des Klosterlebens ungeahnte Sehnsüchte in dem Zuschauer. Es ist weniger dessen Religiosität als vielmehr die Ruhe dieses Lebens, die verheißungsvoll erscheint. Wenn die Mönche konzentriert ihre Arbeiten verrichten, in Gedanken versunken sind, sich Schriften widmen oder ihr Gewissen erforschen, wird die verlockende Entschleunigung dieses Lebens deutlich. Darüber hinaus sind die Mönche keine ätherischen Wesen, sondern sie werden in einen Kontext gerückt, der viele Berührungspunkte mit dem Zuschauer aufweist: Sie haben Familie, eine Vergangenheit und oftmals bürgerliche Berufe vor dem Klosterleben ausgeübt; sie streiten sich, haben Angst und verstecken sich feige. Dadurch wirkt es vollkommen ungestellt, wenn die Mönche in ziviler Kleidung an der Feier zur Beschneidung eines Jungen teilnehmen oder auf dem Markt ihre Waren verkaufen. Sie sind selbstverständlicher Teil des Lebens in dieser Gegend, sie missionieren nicht, sondern werden von einer Bewohnerin als Baum beschrieben, auf dem die Menschen gleichsam wie Vögel in Sicherheit sitzen können.

Insgesamt verweigert sich Beauvois jeglicher Schwarz-weiß-Zeichnung seiner Figuren – es sind die Taten der Mönche, die Bewunderung hervorrufen. So sind die Bewohner von Tibhirine keine fanatischen Moslems, sondern sie wollen in Ruhe und Toleranz leben. Die brutalen Taten der GIA (Groupe Islamique Armé) verurteilen sie, sie können diesen Fanatismus nicht verstehen und verabscheuen die Gewalt und Radikalität. Und selbst einem Terroristenführer gesteht Beauvois einen bemerkenswerten Moment zu, in dem er seine Korankenntnis und Achtung vor Jesus zum Ausdruck bringen kann.

Nach seiner Uraufführung in Cannes wurde „Von Menschen und Göttern“ ein großes Medienecho zuteil, der Film gewann den Großen Preis der Jury und lockte in Frankreich Besucherströme ins Kino. Tatsächlich ist das Sujet des Films aktueller denn je: Er erzählt von dem Zusammenleben von Menschen verschiedenster Religionszugehörigkeiten mit all seinen Facetten. Die Schwierigkeiten dieses Lebens fasst Beauvois in ein eindrucksvolles Bild, in dem die Mönche versuchen, gegen den bedrohlichen Lärm eines das Kloster überfliegenden Armeehubschraubers anzusingen. Vereint wollen sie sich den Kräften entgegenstellen, die doch übermächtig und vor allem gesichtslos sind. Dieses Bild wirkt lange nach und symbolisiert das scheinbar aussichtslose Aufbegehren der Menschlichkeit gegen die Maschinerie des Bürgerkrieges. Da ist es umso bedauerlicher, dass die Gesänge der Mönche, die einen breiten Raum in dem Film einnehmen, nicht auch synchronisiert wurden.

In „Von Menschen und Göttern“ sind emotionalisierende Mittel nur selten eingesetzt, stattdessen herrscht ein sehr ruhiger, konzentrierter Erzählton vor. Erst am Ende des Films durchbricht Beauvois dieses Muster. Die Mönche versammeln sich zu einem Essen, das zum letzten Abendmahl wird. Untermalt von Tschaikowskys „Schwanensee“ werden die Mönche von ihren unterdrückten Gefühlen übermannt. Jeder Mönch wird nochmals in einer Großaufnahme gezeigt, sie erhalten einen letzten Augenblick. Das ist ein großer, ein sehr berührender, kartharsischer Moment. Und gerade weil der Film sehr spärlich mit Emotionen und Musik umgeht, entfaltet diese Szene große Wirkung.

Fazit: Mit kontemplativer Gelassenheit inszeniert Xavier Beauvois einen großartigen Film über Menschlichkeit, Liebe und Glaubwürdigkeit. Ein Ereignis!




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