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Schnee von gestern
Schnee von gestern
© Film Kino Text © Die FILMAgentinnen

Kritik: Schnee von gestern (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm von Yael Reuveni schildert die unglaubliche Geschichte ihrer eigenen Familie. Wie so oft, sind es auch hier erst die Enkel der Kriegsgeneration, die nachforschen, Fragen stellen. Die Kinder der jüdischen Opfer und der deutschen Täter sind mit dem Schweigen ihrer Eltern aufgewachsen, haben verinnerlicht, dass diese nicht zurückblicken wollen. Auch Yael spürt Beklemmung, als sie in Schlieben mit den deutschen Angehörigen und den Nachbarn von Feiv'ke Schwarz spricht. Wie er sich ausgerechnet dort, wo er KZ-Häftling war, niederlassen konnte und warum er mit keinem über seine jüdische Herkunft sprach, schockiert sie. Yael erkennt, dass sich das Rätsel dieser Geschichte zweier getrennter Geschwister nicht vollständig lösen lässt.

Aber die Dokumentation mündet auch in eine tröstliche Erkenntnis: Michlas Enkelin und Feiv'kes Enkel Stephan schlagen neue Brücken. Yael beschließt, in Deutschland zu leben, Stephan befasst sich intensiv mit hebräischer Geschichte und Religion und fährt nach Israel. Der Filmschnitt erzeugt mit dem ständigen Wechsel der Schauplätze in Deutschland und Israel, der den tiefen Riss in dieser Familie verdeutlicht, eine lebhafte Spannung. Visuell stehen die Stationen aus dem Leben von Michla und Feiv'ke im Zentrum: Yael besucht sogar deren Elternhaus in Vilnius. Schrittweise, im Austausch mit den bislang unbekannten Angehörigen und der eigenen Mutter, füllen sich Lücken in ihrer Vorstellung. Die Stationen von Yaels Reisen spiegeln das Prozesshafte dieser Vergangenheitsbewältigung. Yael muss oft innehalten, das Gesehene, Gehörte mühsam verdauen, mit den eigenen Gefühlen haushalten. Dann lenken scheinbar belanglose Aufnahmen von Straßen oder vom Alltag daheim den Blick des Zuschauers nach innen. Yael nimmt das Publikum als Off-Erzählerin mit auf die Reise ihrer Gedanken: vom Trauma der Großmutter über die Trauer hin zu einem geweiteten Blick, der Hinwendung zu Neuem. Der Dokumentarfilm ist ein beeindruckender Beleg dafür, dass Geschichte in Familien erlitten und weitergegeben wird. Nicht selten gelingt es erst den Enkeln, sich intensiv damit zu befassen, worüber die Überlebenden des Holocaust nicht sprechen konnten.

Fazit: Die israelische Enkelin einer Holocaust-Überlebenden lernt in Deutschland einen unbekannten Zweig ihrer Familie kennen. Der bewegende Dokumentarfilm begleitet den Prozess dieser schmerzlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die mit innerem Wachstum belohnt wird.




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