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Kritik: Womb (2010)


Darf man aus Liebe einen Menschen klonen? Mit dieser spannenden Frage sieht sich der Zuschauer in Benedek Fliegaufs "WOMB" konfrontiert. Der Film erzählt von Rebecca (Eva Green), die im Alter von 12 Jahren während der Sommerferien den gleichaltrigen Thomas kennenlernt. Eine erste zarte Liebe entwickelt sich, aber Rebecca muss zu ihrer Mutter nach Tokio ziehen. Zwölf Jahre später kehrt sie zurück, getrieben von dem Wunsch Tommy (Matt Green) wiederzusehen. Sofort ist die Anziehungskraft wieder da, sie verbringen eine wunderbare Zeit miteinander – bis Tommy bei einem Autounfall getötet wird. Daraufhin fasst Rebecca einen Entschluss: Sie bittet Tommys Eltern (Lesley Manville, Peter Wight) um eine DNA-Probe, damit sie einen Klon von Tommy austragen kann.

"WOMB" spielt zu einer Zeit, in der das Klonen eine medizinische Selbstverständlichkeit, wenngleich noch nicht gesellschaftlich akzeptiert ist. Die "Replis" – so werden die Klone genannt – werden von den Menschen ausgegrenzt, beispielsweise glauben der nichtsahnende Tommy und seine Freunde, dass die Haut einer Klassenkameradin nach Reiniger riechen müsse, weil sie ein "Repli" ist. Bis zu seinem zehnten Geburtstag kann Rebecca das Geheimnis um Tommys Herkunft bewahren, dann erfahren die Eltern seiner Mitschüler die Wahrheit. Aber Rebecca vermeidet weiterhin, Tommy über seine Zeugung aufzuklären, und zieht mit ihm in ein einsames Strandhaus. Dort wächst er fernab anderer Menschen auf, bis auf einen einzigen Spielkameraden hat sie Tommy für sich. Erst am Ende des Films wird er die Wahrheit erfahren, sein Umgang mit dieser Erkenntnis wird nicht weiter thematisiert.

Ohnehin lässt "WOMB" viele Fragen offen: Darf man einem Menschen seine Einzigartigkeit nehmen? Reicht es, einfach am Leben zu sein? Der Titel gibt erste Andeutungen. Mit Womb wird auch die Gebärmutter bezeichnet, und Rebecca ist kaum mehr als eine Gebärende: Das Kind wird in steriler Atmosphäre gezeugt und mit Kaiserschnitt entbunden, hier steht das Operative, das Künstliche im Vordergrund. Auch verhält sie sich nur selten wie eine Mutter, vielmehr versucht sie an der Seite des geklonten Jungen die Erlebnisse der Kindheit wieder- oder auch nachzuholen. Jetzt kann sie Zeit mit Tommy verbringen, die sie eigentlich in Tokio war. Je älter Tommy wird, desto offensichtlicher wird ihr Begehren. Spätestens als Tommy das Alter erreicht, in dem der erste Tommy gestorben ist, überschreitet Rebecca die Grenzen. Dabei ist der Gleichmut gespenstig, mit dem sie Tommy und seine Freundin Monica beobachtet, still die Nähe zu ihm sucht und sein Begehren anstacheln will. Vor allem aber nimmt sie mit erschreckender Genügsamkeit ihr selbst gewähltes Schicksal an und wartet auf den einen Moment, in dem sich ihr Wunsch erfüllen wird. Dabei können auch die schön fotografierten Bilder nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Rebecca den Schwierigkeiten nicht stellt. Sie setzt sich weder mit ihrer empfundenen Schuld an Tommys Tod auseinander, noch ist es für sie ein Hindernis, dass Tommy die Klon-Technik abgelehnt hat. Lieber verbringt sie ein Leben im Wartestand, in dem ihr Ziel nicht Liebe, sondern Besitznahme ist: Sie will Tommy zurück – oder wenigstens einen Teil von ihm.

Ein Film braucht keine einfachen Antworten zu liefern, aber bei allen wichtigen Fragen, die "WOMB" aufwirft, erschweren die Figuren die Auseinandersetzung mit dem Thema. Rebecca ist von Anfang an kaum zugänglich, schon als Kind ist ihre Beobachtung von Tommy von einer irritierenden, bisweilen unheimlichen Faszination für den Jungen geprägt. Als Erwachsener merkt Tommy beim ersten Kuss an, dass es sich seltsam anfühle, und fortan wird die Leidenschaft in dieser Beziehung ausgespart. Ohnehin bleibt Tommy immer sehr kindlich und unreif, selbst der erwachsene und vor allem der geklonte Tommy wird von Matt Smith mit übertriebener Gestik und Mimik gespielt, so dass er clowneske Züge erhält. Und die legt er leider auch bei dem verstörenden Ende des Films nicht ab.

Fazit: Ein ästhetisch beeindruckender, aber leider zäher Film, der wichtige Fragen aufwirft und sich zu seinem Vorteil einfachen Antworten verweigert.





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