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Copacabana
Copacabana
© Pathé Films AG

Kritik: Copacabana (2010)


Egal wie man den ungestümen, chaotischen und doch so verträumten Auftritt von Sally Hawkins alias Poppy in "Happy-Go-Lucky" auch fand – dem englischen Geheimtipp des Jahres 2008 konnte man durch die offenherzige und ehrliche Art der Hauptakteurin eigentlich kaum widerstehen. Doch bei all der luftig lockeren Atmosphäre fragte sich der Zuschauer vielleicht im Geheimen, was wohl mit der 30-jährigen Poppy in zehn bis zwanzig Jahren passieren würde. Eine mögliche Antwort auf diese Frage gibt nun Marc Fitoussis neuster Film "Copacabana", der eine Hauptfigur mit ähnlichen Charakterzügen kreiert, wie einst die rebellische Poppy aus England. Nur das sich das Szenario diesmal in Frankreich und Belgien abspielt, Poppy hier Babou heißt und deutlich in die Jahre gekommen ist. Der französischen Tragik-Komödie kann man bis zum Schluss viel abgewinnen – weil der Film nicht nur eine ausgezeichnete Figurenzeichnung an den Tag legt, wodurch Babou durch ihr kontrastreiches Wesen einen sonderbaren, aber echten Eindruck hinterlässt – sondern weil "Copacabana" geschickt gesellschaftskritische Töne mit seinem Familiendrama verbindet. Zwar strebt Fitoussis Film vordergründig eine lockere Atmosphäre an – im Endeffekt aber stellt er ein bitteres Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse dar und verliert somit zu keiner Sekunde den Blick auf das reale Leben. Doch all die Arbeit, die sich Regisseur mühsam und genauestens aufgebaut hat, macht er sich mit seinem überzogenen Ende zu Nichte. Der Schlussakkord wirkt aufgesetzt – wie ein Fremdkörper, der zur eigentlichen Intention und Atmosphäre des Films nicht passen mag. Sei's drum. Für Liebhaber des kunstvollen europäischen Films bleibt "Copacabana" allemal zu empfehlen.

Regisseur Fitoussi baut seinen Film komplett um seine Hauptfigur auf – die fast zu einer One-Man-Show emporsteigt. Der frühere Theaterschauspielerin Isabelle Huppert gelingt es dabei mit ihren 40 Jahren Schauspielerfahrung ihre Figur der zerstreuten und rebellischen Babou herzlich aber kontrastreich, verrückt aber nahbar zu spielen. Huppert entwickelt sich zur Idealbesetzung, weil man ihr die äußerliche Verrücktheit mit all dem schlecht gewählten Make-Up und ikonischen Klamottenzusammenstellungen abnimmt – gleichzeitig aber um das früher grenzenlose Leben der attraktiven Dame weiß. Sie zeigt der Welt, dass man gegen alles und jeden rebellieren kann. Auch wenn sie dabei gerne ihre Mitmenschen vergisst.
Fitoussi tut gut daran, dass er Huppert viel Spielraum lässt. Als Dank verleiht sie der Miss Revolution ihren Charme und ihre Menschlichkeit. "Copacabana" profitiert ungemein von der französischen Schauspielerin: Sie und ihre Figur sind die größten Stärken des Films, der zu Beginn einen zunächst ruhigen Eindruck hinterlässt und mit einer souveränen Gelassenheit die Entwicklung und die Beziehungen der Figuren ohne jegliche Verwendungen von Kitsch oder Konventionen erzählt. So ist "Copacabana" in erster Linie ein Porträt einer ruhelosen Frau, die im Grunde als altgewordene Personifikation der 68er Revolution durchgeht – durch ihre ausgefeilte Charakterzeichnung aber nie zu einer überzeichneten Karikatur abrutscht. Fitoussi legt dabei viel Wert auf Kontraste – so zum Beispiel bei Babous Tochter, die sich zum kompletten Gegenbild ihrer Mutter entwickelt hat. Die Dialoge zwischen Mutter und Tochter sind geprägt von gegenseitigem Schuldbewusstsein, Ignoranz und Eigenwillen. Der Zuschauer ist kein stummer Beobachter – er kann den Dialogen etwas abgewinnen, weil sie nicht überdramatisch in Herzschmerz versinken, aber dennoch so lebhaft bleiben, als wären sie aus dem realen Leben.

Das reale Leben spielt in Fitoussis Film so oder so eine große Rolle. Denn besonders die Kontraste im neuen Job, die Lebensumstellung und die schwierige Arbeit lassen ein neues thematisches Feld erkennen. Wie es dem französischen Filmemachern im Blut liegt, verzichtet auch Fitoussi nicht auf gesellschaftskritische Töne, die zwar immer nur als dezente Hintergrundmelodie zu hören sind – aber im Endeffekt dadurch an Wirkung gewinnen. So ist Babous neuer Arbeitgeber, ihre Unternehmensstrategie und vor allem der Umgang mit Mitarbeitern keineswegs aus der Luft gegriffen. Wenn Babous Vorgesetzte sie das erste Mal unvorbereitet trifft und ein mechanisches Werbegespräch beginnt, ist es ihr Gesichtsausdruck, der versteinert, wenn sie erst nach einigen Minuten bemerkt, dass es sich nicht um ein Kunden handelt. Hier legt Fitoussi sehr dezent, aber umso kraftvoller seine Finger in die Wunden des kapitalistisches Systems. Freundlichkeit ist gespielt, der Kunde ist kein König, sondern nur Ware – so einfach sind die Botschaften, die "Copacabana" im Kontext zur tristen belgischen Umgebung an den Zuschauer trägt. Besonders interessant bleibt der Blick in das Geschäftsfeld, in die hierarchischen Ordnungen und Dialoge zwischen den einzelnen Grabenkämpfen, die das Bild des Films prägen, aber niemals bestimmen. Dafür ist Babou viel zu interessant und liebenswürdig. Und doch: Die Verbindung von Familientragödie, Charakterporträt und gesellschaftskritischer Thematik verleiht dem Film Kontraste, die er braucht, um zu funktionieren.

Was den französischen Filmemacher dazu veranlasst hat seinem Finale all die zuvor erarbeiteten Prämissen und Intentionen vorzuenthalten kann man nur schwerlich nachvollziehen. Das Ende wirkt überrumpelt, durch seinen positiven Charakter aufgezwungen und in seiner Glückseligkeit kaum nachvollziehbar. Ein echter Over-Kill also – der wie ein Traum wirkt, aus dem es aber kein bitterböses Erwachen gibt. Ein kleines Fiasko, dass Fitoussi sein Ende so trivial wegwirft.

Fazit: Ein kleines großes Stück europäischer Film: Der französische "Copacabana" versteht es Familientragödie, Charakterporträt und Gesellschaftskritik bestens zu vereinen und mit einer sagenhaften Hauptdarstellerin zu überzeugen. Erst das Ende, welches wie ein Fremdkörper am restlichen Film hängt, macht vieles zu nichte, was sich Regisseur Fitoussi zuvor aufgebaut hatte.




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