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90 Minuten - Das Berlin Projekt
90 Minuten - Das Berlin Projekt
© alpha medienkontor gmbH und L.A.R.A. Entertainment

Kritik: 90 Minuten - Das Berlin Projekt (2011)


Das Thriller-Drama "90 Minuten – Das Berlin Projekt" folgt einem jungen Mann 90 Minuten lang auf einer heiklen Mission, die ihn quer durch Berlin führt. Die Kamera ist stets ganz dicht bei ihm, wenn ihn sein Trip durch die Bundeshauptstadt an bekannte Orte wie den Potsdamer Platz oder das Regierungsviertel führt. Freilich denkt man dabei sofort an Tom Tykwers Geniestreich "Lola rennt", in dem Franka Potente durch Berlin gehetzt wird. Und doch unterscheidet sich "90 Minuten" gravierend von Tykwers Film. Der mazedonische Regisseur Ivo Trajkov erzählt hier seine Geschichte in Echtzeit und liefert – im Gegensatz zu "Lola rennt" – nicht eine ganze Reihe an verschiedenen Varianten seiner Geschichte mit mehreren möglichen Handlungsverläufen. Die Kamera heftet sich für genau jene titelgebende Zeitspanne an die Fersen des Protagonisten und sorgt dafür, dass der Zuschauer auf diese Weise intensiv in das Geschehen und die Handlung einbezogen wird.

Zudem spielt Berlin als Handlungsort eine wesentlich bedeutendere Rolle als in Tykwers Film von 1998. "90 Minuten" ist größtenteils ein temporeicher, mit surrealen Einfällen garnierter Spannungsfilm, der auf intelligente Weise die deutsche Hauptstadt erfahrbar macht. Dank einfacher, aber effizient eingesetzter filmischer Stilmittel kommt "90 Minuten" zudem mit wenig Dialog aus, um den Wettlauf gegen die Zeit auf packende Weise darzustellen. Jedoch sorgen Handlungs- und Stilbrüche in der zweiten Hälfte des Films dafür, dass "90 Minuten" letztlich kein ganz großer Wurf geworden ist.

Der junge Schauspieler Sebastian (Blerim Destani) kommt nicht über den Tod seiner Freundin Hannah (Nicolette Krebitz) hinweg. Bald kennt er nur noch ein Ziel: Rache zu üben an dem zwielichtigen Sektenführer Guru (Udo Kier), den er für ihren Tod verantwortlich macht. Die Premiere seines neuen Films "90 Minuten" scheint der ideale Zeitpunkt, um Guru zur Strecke zu bringen – 90 Minuten, in denen er ein scheinbar perfektes Alibi hat. Kurz nachdem der Film angelaufen ist, schleicht sich Sebastian aus dem Kino und beginnt seine Jagd auf Guru. Die Zeit läuft.

Das Konzept des Films garantiert Spannung und Tempo auf hohem Niveau. Der Zuschauer wird Teil der wilden, ereignisreichen Suche nach dem Sektenführer und folgt der Hauptfigur quer durch Berlin: vom Tempodrom und Olympiastadion über die U-Bahn-Station Bundestag und das Regierungsviertel bis hin zur Skylounge im E-Werk und dem Potsdamer Platz. Regisseur Trajkov schickt seinen Protagonisten zu bekannten und beliebten Schauplätzen, vorbei an den Hot Spots der Hauptstadt. Berlin nimmt demnach als Handlungsort fast eine eigene Rolle ein. Gekonnt und atmosphärisch setzen Trajkov und sein Kameramann Suki Medencevic die im Film dargestellten Sehenswürdigkeiten in Szene. Dabei erscheint ihr Berlin aber zu keinem Zeitpunkt als bunt, fröhlich und einladend sondern vielmehr farblos, trist und bedrückend. Um diese Wirkung zu erzeugen bzw. beim Zuschauer noch zu verstärken, verlaufen weite Teile der Handlung immer wieder an düsteren, nur mäßig beleuchteten Orten, wie etwa den Katakomben des Olympiastadions, in U-Bahn-Stationen oder auf öffentlichen Toiletten (etwa zu Beginn, wenn Sebastian die auf der Herrentoilette des Kinos deponierte Waffe sucht). Dies sorgt für eine nachhaltig schauerliche, kalte Stimmung.

Zudem sorgt die Tatsache, dass der Film die Handlung in Echtzeit schildert, für eine enorme emotionale Bindung zur Hauptfigur. Der Zuschauer fühlt mit Sebastian und teilt mit ihm dessen Gedanken und Emotionen, so z.B. die allgegenwärtige Angst, während seiner Hetzjagd durch Berlin von der Polizei ertappt zu werden oder nicht rechtzeitig vor Filmende wieder zurück zu sein. Durch Off-Kommentare sowie die Zeitanzeige auf Sebastians Handy erfährt der Zuschauer dabei immer wieder, wie viel Zeit Sebastian noch bleibt.

Lange Kameraeinstellungen begleiten Sebastian bei seinem Vorhaben und Kameramann Medencevic greift oft auf die Totale zurück, um zu verdeutlichen, wie riesig und chaotisch diese pulsierende Metropole doch auch ist. Vor allem dann, wenn einem nur wenig Zeit bleibt, ein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Die langen Kameraeinstellungen wurden im Übrigen so geschnitten, dass der Eindruck entsteht, der Film sei nur in eben jener einen Einstellung gedreht worden. Eine visuelle Herangehensweise, die in diesem Fall Sinn macht, da das Geschehen auf der Leinwand dadurch realistischer und emotionaler wirkt. Ebenso wie die Bildsprache und die optische Umsetzung überzeugen auch die Schauspieler, in erster Linie Udo Kier der – gewohnt böse – den undurchsichtigen Sektenführer gibt. Hauptdarsteller Blerim Destani macht seine Sache dank einer enorm körperbetonten, actionreichen Darstellung ordentlich. Zwar wirkt er in den leisen Momenten, die ihn etwa in stiller Trauer um seine Freundin zeigen, ein wenig farblos, die rasante Hatz durch Berlin meistert er aber mit Bravour.

Im weiteren Handlungsverlauf verliert der Film jedoch an Tempo. Zudem kommt es im zweiten Drittel vermehrt zu Brüchen in Handlung und Stil, vor allem dann, wenn sich die 90 Minuten dem Ende entgegen neigen und für Sebastian die letzten Minuten laufen. Sebastian verliert in dieser letzten Phase des Films zunehmend den Bezug zur Realität und der Film büßt dadurch seine bis dahin konsequent vorangetriebene Handlung ein. Zwar spielen schon von Beginn an z.B. immer wieder Filme im Film eine Rolle, etwa, wenn sich Sebastian am Anfang ein selbst gedrehtes Video von sich und seiner Freundin auf seinem Handy ansieht. In der letzten Phase von "90 Minuten" jedoch, spielen sich die Parallelhandlungen bzw. -ereignisse zunehmend im Inneren von Sebastian ab und der Film rückt mehr und mehr die Träume und Wahnvorstellungen, denen sich Sebastian ausgesetzt fühlt, in den Mittelpunkt. Ein Beispiel hierfür ist eine minutenlange, surreale Szene die sich in einem unterirdischen Kellergewölbe abspielt. Am Ende der Szene trifft Sebastian auf seine Freundin, die nach einer zärtlichen Begrüßung die Flucht ergreift. Die Kamera schwenkt kurz darauf auf Sebastians Gesicht und er fängt an zu weinen. Er ist wieder in der Realität angekommen. Eine Realität ohne die geliebte Freundin. Hätte Regisseur Trajkov auf diese Einschübe verzichtet, wäre der Film wesentlich kompakter und homogener ausgefallen. Die Szenen sorgen leider für reichlich Verwirrung und stören die Handlung.

Fazit: Einmal quer durch Berlin in 90 Minuten: "90 Minuten - Das Berlin Projekt" ist ein spannendes, temporeiches Filmexperiment mit beeindruckender Kameraarbeit und starker visueller Umsetzung. Schade, dass sich der Film im letzten Drittel ein wenig in seinen traumwandlerischen, surrealen Szenen verliert.




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