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Vielleicht lieber morgen
Vielleicht lieber morgen
© Capelight Pictures

Kritik: Vielleicht lieber morgen (2011)


Romanautor Stephen Chbosky, der 1999 das Jugendbuch "The Perks of Being a Wallflower" schrieb, welches unter dem Titel "Vielleicht lieber morgen" in Deutschland erschien, hat selbst die Inszenierung des gleichnamigen Kinofilms in die Hand genommen, welcher nun auch in den deutschen Kinos zu sehen ist. Chboskys Werk hatte zu seiner Zeit große Diskussionen über Erwachsenwerden, Drogenkonsum und sexuellen Missbrauch ausgelöst - der Film wird aber die Frage zu beantworten haben, ob ein Buchautor sein eindrucksvolles Schreibtalent auch als Regisseur in aussagekräftige Bilder ummünzen kann.
Und Chbosky kann: Inszenatorisch und handwerklich kann man vor der Arbeit des Neu-Regisseurs Chbosky nur den Hut ziehen. Doch der Autor geht nicht völlig unvorbereitet ins Rennen. Seine Vorkenntnisse als Drehbuchautor und Co-Regisseur machen sich in der offen- wie warmherzigen, von Pathos und Kitsch befreiten Coming-Of-Age Geschichte "Vielleicht lieber morgen" eindrucksvoll bemerkbar. Dem Autor/Regisseur gelingt es, die Atmosphäre seiner Vorlage vom Papier auch auf die Filmrollen zu übertragen. Er schildert den Freundschaftsprozess der drei Highschool-Besucher im Stile eines sicheren Independent-Regisseurs, der mit viel Liebe zum Detail in Bildkomposition, Soundtrack und Rhythmus für genau das Gefühl sorgt, welches auch das Buch ausstrahlte: Lebensbejahende Schwerelosigkeit in den schier unendlichen Möglichkeiten eines jugendlichen Leichtsinns.

Ezra Miller, amerikanischer Jungdarsteller, ist in diesem Kinojahr schon durch eine Rolle prägnant aufgefallen: In Lynne Ramsays Psycho-Thriller"We Need To Talk About Kevin" mimte er neben John C. Reilly und Tilda Swinton den psychopathischen Sohn, der Litschi kauend ein diabolisches Grinsen aufsetze und seiner Mutter das Leben zur wahrhaftigen Hölle machte. Mit seinem Auftritt in "Vielleicht lieber morgen" in der Rolle des homosexuellen Patrick, der immer Chaos anstiften muss, um sich in keinem konservativen Trott zu verfangen, gelingt es ihm erneut ein Ausrufezeichen zu setzen, es zu unterstreichen und sich zugleich als nächsten, großen Charakterdarsteller zu präsentieren. Wo er in"We Need To Talk About Kevin" noch in lethargischer Böswilligkeit für ungemeines Unbehagen beim Zuschauer sorgte, mimt er seinen extrovertierten Patrick nun aufmüpfig, mit unvergleichlicher Heiterkeit – so, als hätte er in seinem Leben noch keine andere Rolle gespielt. Miller beweist dadurch eindrucksvoll seine Wandelbarkeit, seine Qualität als Charakterdarsteller.
Auch Logan Lerman wirkt als Besetzung für die Hauptfigur, den schüchternen, introvertierten Schreiberling Charlie, genau richtig. Daneben setzt sich die bezaubernde Emma Watson mit ihrer Rolle als Sam nun endgültig von ihren ehemaligen Schauspielerkollegen Daniel Radcliffe und Rupert Grint ab. Die Darstellung der zuckersüßen Sam mit ihren dramatischen, wie humorvollem Momenten, gelingt der britischen Darstellerin mit spielerischer Leichtigkeit. Mit ihrer schauspielerischen Präsenz stellt sie all das dar, was den Charme und auch den Widerwillen gegen ihre Figur ausmacht. Denn der Zuschauer fühlt sich ebenso befangen wie Hauptfigur Charlie, der sich in die Schönheit verliebt, aber nicht verstehen kann, warum sie so handelt, wie sie handelt.

Hinter diesem psychologischen Aspekt, den der Regisseur unmerklich auf sein Publikum überträgt, gelingt es Chbosky gerade seine Hauptfigur, trotz der Größe der Romanvorlage, komprimiert, aber entfaltend zur Geltung zu bringen. Charlies Probleme, Wünsche, wie Hoffnungen und Ängste werden nicht nur abgearbeitet, sondern zum Teil eines undurchsichtigen Charakters verwoben, welcher eine komplizierte Kindheit, Neurosen und sexuellen Missbrauch hinter sich hat.
Am Ende klappert Chbosky vielleicht zu sehr seine thematischen Felder ab und überrennt dabei beinahe das letze Kapitel seiner Hauptfigur. Doch dank Hauptdarsteller Lerman, der genau den Charlie aus dem Buch auch auf die Leinwand bringt, bleibt das Verständnis für einen Jugendlichen zwischen Drogenkonsum, Liebe und den Sorgen eines Teenagers bestehen.

Fazit: Neu-Regisseur Chbosky schafft es, seine Fähigkeiten mit der Schreibfeder auch auf die Kamera zu übertragen. Die Adaption seines eigenen Romans geht voll auf. Auch dank der guten Darsteller sehr sehenswert!





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