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Im Garten der Klänge
Im Garten der Klänge
© W-Film

Kritik: Im Garten der Klänge - Nel Giardino dei Suoni (2009)


Wolfgang Fasser beschreibt sich selbst als einen "Gastgeber des Klangs". Seine Welt ist die der Geräusche, Klänge und Töne. "Es fasziniert mich, meine Umgebung mit den Ohren anzuschauen", sagt der 1955 in der Schweiz geborene Musiker, Therapeut und Klangforscher. Heute lebt Fasser in der Toskana. Dort gründete er 1999 sein Atelier für musikalische Improvisation, ein Ort, an dem er sich ganz der Arbeit mit schwerbehinderten Kindern widmet. Das Atelier ist voller Instrumente und Werkzeuge, es befinden sich Gongs, Xylophone, Kongas, Monochords und ein Klavier darin. Gemeinsam mit den Kindern erforscht er die verschiedensten Klangwelten und deren Wirkung auf Körper und Seele. Die Kinder, die zu Fasser kommen, haben ganz unterschiedliche Probleme und Krankheiten: von geistigen Behinderungen über seelische Erkrankungen bis hin zu erblich bedingten, körperlichen Leiden. Mit seinen jungen Patienten arbeitet er daran, die Umwelt und Umgebung wahrzunehmen und ein Gefühl für den eigenen Körper zu erlangen. Und das alles mit der Hilfe von Musik. Für Fasser ist der menschliche Körper ein Klangkörper. "Das Klangerleben ist auch ein Körpererleben", sagt er. Das Besondere an Fasser und seiner Arbeit: Seit seinem 22. Lebensjahr lebt Fasser in einer Welt voller Dunkelheit. Er ist blind.

Der italienische Kameramann und Regisseur Nicola Bellucci porträtiert in seiner poetischen Dokumentation "Im Garten der Klänge" die Person Wolfgang Fasser und gewährt einen intimen Einblick in seine Arbeit mit den Kindern. "Im Garten der Klänge" ist eine leise, sanfte Annäherung an einen Menschen, der sein eigenes Schicksal bedingungslos annahm und seine Sensibilität und Fähigkeiten seitdem in den Dienst seiner Patienten stellt.

Erst nach etwa zehn Minuten des Films wird für den Zuschauer deutlich, dass Fasser blind ist. Die ersten Minuten zeigen ihn zusammen mit dem unter Autismus leidenden Andrea. Man wird Zeuge, wie er mit einer Schuppkarre und dem kleinen Jungen den engen Weg zum Therapiezentrum zurücklegt und Andrea beruhigt, nachdem ihn die Türklingel ungeheuer erschreckt hat. Zuvor hat er sich mit ihm über die Farbe des Hauses unterhalten. Das alles vollzieht Fasser mit einer derartigen Sicherheit und Überzeugung, dass man kaum glauben kann, dass er seit über 30 Jahren in völliger Dunkelheit lebt. Umso größer ist dann auch die Verwunderung, als Fasser am Ende eines Arbeitstages beim Verlassen des Zentrums einen weißen Blindenstock hervorholt. Die Faszination über diesen Mann, der sein eigenes Schicksal der Erblindung dazu nutzt, um seine Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich der Klänge an seine jungen "Schüler" weiterzugeben, beginnt bereits in diesen ersten Minuten des Films – und hält bis zum Ende an.

Einen Schwerpunkt legt Regisseur Bellucci auf die Arbeit von Fasser in seinem Atelier, einer Welt voller Laute und Töne. "Im Garten der Klänge" zeigt die vielfältigen Formen der Musiktherapie, die er bei der Behandlung der Kinder anwendet. So sieht man den Therapeuten etwa bei der Arbeit mit einem blinden, komatösen Mädchen oder einer 13-jährigen Jugendlichen, die kaum ohne Hilfe stehen kann. Einfühlsam und ausgiebig geht er auf die Kinder ein und schafft für jeden Patienten eine ganz eigene, individuelle Klangwelt. "Wir kreieren zusammen die Musik, die zwischen uns klingt", beschreibt Fasser seine Arbeit. Er wusste schon früh, dass sein Leben einmal anders verlaufen würde. Fasser leidet unter der Erbkrankheit „Renititis Pigmentosa“, die einen allmählich und langsam erblinden lässt. Mit 22 Jahren, kurz nach seiner abgeschlossenen Ausbildung zum Physiotherapeuten, erblindete er völlig. Doch Fasser ergab sich nicht seinem Schicksal, sondern nahm es an und beschreibt die Welt der Musik seitdem als eine Art "tröstende Brücke".

Bellucci verzichtet bei seinem Film völlig auf ein kommentierendes Voice-Over oder einordnende Erläuterungen. Der Film lässt seine Bilder sprechen und versteht sich insgesamt als eine Ansammlung verschiedenster Impressionen aus dem Leben eines Mannes, der mit seinen Ohren sieht. Erwähnt werden sollen zudem die eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen von Kameramann Pierre Mennel, die einen angenehmen Kontrast zu den Bildern im Atelier darstellen und eine ungemein beruhigende, fast meditative Wirkung auf den Zuschauer haben.

"Im Garten der Klänge" zeichnet in ruhigen, meditativen Bildern ein sensibles und leises Porträt eines eindrucksvollen Menschen, der sich ganz der Welt der Geräusche und Töne verschrieben hat.




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