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Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
© Arthaus

Kritik: Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Geschichte um Christiane F. ist wieder in aller Munde, nicht zuletzt durch die neue Amazon-Prime-Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". 40 Jahre nach Start des Kinofilms "Christiane F." erlebt dieser in den deutschen Kinos seine Wiederaufführung. Er beruht, wie auch das Prime-Serienformat, auf der Lebens- und Leidensgeschichte der Berliner Jugendlichen Christiane Felscherinow – welche 1978 durch das vom Stern publizierte gleichnamige Buch einer Weltöffentlichkeit bekannt wurde.

40 Jahre nach der Erstaufführung und unter dem Gesichtspunkt, dass sich die Sehgewohnheiten vor allem junger Menschen in den letzten Jahren doch merklich verändert haben, kann das Drogen- und Prostitutionsdrama "Christiane F." heute natürlich längst nicht mehr so schocken wie 1981. Dennoch verblüfft der Film selbst im Jahr 2021 mit seiner schonungslosen, realistischen Darstellung von Drogenkonsum, Entzug und den Erfahrungen von Christiane und Detlef mit ihren Freiern.

Gerade die Szenen, die die beiden jugendlichen Hauptpersonen beim kalten Entzug zeigen haben sich im Gedächtnis eingebrannt und bis heute nichts von ihrer Dringlichkeit und Härte verloren. Zu verdanken ist dies den Jungdarstellern Brunckhorst und Haustein, die über ihre (körperlichen) Grenzen gehen. Sie übergeben sich, zittern, schreien vor Schmerz und ähneln mit blasser Haut und ihren ausgemergelten Gesichtern eher Zombies als menschlichen Wesen.

Hinzu kommen legendäre, hochatmosphärische Szenen, die Christianes innere Befindlichkeiten nach außen kehren und für den Betrachter sichtbar werden lassen. In vielen dieser Sequenzen spielt die Musik David Bowies eine zentrale Rolle. Die Schlüsselmomente: wenn die Bowie-verehrende Christiane ihr Idol auf einem Konzert direkt vor der Bühne anschmachtet oder in der Disco ihr inneres Verlangen, endlich dazu zu gehören und von einer Gruppe akzeptiert zu werden, in der ersten Heroin-Erfahrung mündet. Kurz zuvor bildete Bowies pulsierender Klassiker "TVC 15" die musikalische Hintergrundkulisse für ein Wiedersehen zwischen Christiane und ihrem Schwarm Detlef.

Doch nicht alles an "Christiane F." ist so gelungen. Da ist zum Beispiel Uli Edels Verzicht darauf, die familiären Hintergründe der Hauptfigur und erlittenen Traumata tiefergehender zu beleuchten. Entscheidende Passagen aus dem Buch, die Christianes fragiles Wesen und Verletzlichkeit erklären, lässt Edel leider weitestgehend weg (die Brutalität des Vaters, die Umzüge vom Land in die düstere Betonstadt). Hin und wieder ertappt man Edel zudem dabei, wie er die Drogen- und Prostituiertenszene rund um den Bahnhof Zoo etwas zu plakativ und reißerisch darstellt – und damit einige abgenutzte Vorurteile und Klischees bedient.

Fazit: Offene und schonungslose Darstellung eines Absturzes in den Drogensumpf und in die Prostitution, die dank der leidenschaftlichen, ungeschönten und glaubhaften Schauspielerleistungen noch immer fasziniert. Bisweilen bemüht der rund 20 Minuten zu lang geratene, sich nicht exakt an die Vorlage haltende Film allerdings zu viele Drogenkonsum- und Fixerklischees.





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