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Stille Seelen - Hauptplakat
Stille Seelen - Hauptplakat
© Film Kino Text © trigon-film

Kritik: Stille Seelen (2010)


Wer einmal durch Russland gereist ist, weiß, was Regisseur Aleksei Fedorchenko meint, wenn er die Vorstellung von Raum im größten Land der Welt manchmal verwirrend findet. Seinem nun in Deutschland erscheinenden Film „Stille Seelen“ gelingt der filmische Kunstgriff, diese Widersprüche und irrealen Gefühle für die Urbanität und Landschaft Russlands mit einer ungemein geschliffenen Bildsprache auszudrücken.

Man kann Tage lang durch ein Land reisen, aber nie das Gefühl erhalten, voran zu kommen. Das ist Russland. Fedorchenko, dessen schwerer Arthouse-Brocken „Stille Seelen“ auf den Filmfestspielen von Venedig 2011 unter anderem den Preis für die beste Kamera gewann, weiß, wie man Wahrnehmungen und Wirklichkeit einfängt, sie in unspektakulärer Lethargie in der Verborgenheit der nach innen gekehrten Charaktere sucht und in beinahe rohem Zustand an seinen Zuschauer trägt. Dadurch ist „Silent Souls“ ein wahrer Genre-Film, ein Film voller Geheimnisse, Fragezeichen und irrealer Symbolik, die es zu verdauen gilt, und der daher nur denjenigen ans Herz zu legen ist, die abseits von Mainstream und Blockbuster das Kino auch als einen Ort sehen, der nicht nur unterhalten soll.

Aist führt ein Leben als Einsiedler, hat keine Familie, kein schönes Heim und ebenso keinen schönen Beruf. In einer Papierfabrik schuftet er, sein bester Freund Miron ist nicht mal als sein bester Freund auszumachen, so verhalten und distanziert agieren die beiden miteinander. In schwerfälligen Dialogen und müde klingenden Off-Kommentaren schildert die Hauptfigur dem Zuschauer die Geschichte, die zeigt, dass Liebe keine Grenze kennt, den Tod überdauern kann. Denn Mirons Frau ist verstorben und soll nach alter russischer Tradition beerdigt werden.
„Stille Seelen“ zeigt eine Liebesgeschichte in ihrer Umkehrung, in ihrer Antithese, deren Anfang und Ende durch den Tod geprägt ist. In ungewöhnlicher Abkehr von gängigen Mustern zeigt Fedorchenko, dass die Liebe zwischen Menschen nicht enden muss, wenn einer der beiden Partner verstorben ist. Sie lebt weiter, tief verborgen, versteckt und unter den rauen Schalen zweier Männer. Der Regisseur schildert dies in einer beinahe starren Ruhe, die tief in sich selbst ihre Bestimmung sucht, in „stillen Seele“ Zuflucht sucht und dies in Verbindung mit der grenzenlosen Weite und Kälte Russlands verbindet.
Schon hier zeigt sich, dass „Stille Seelen“ polarisieren wird- der eine wird von der Symbolik und Tiefgründigkeit begeistert sein, während der Sitznachbar vielleicht an diesem tempolosen Film nur den Abspann gut findet. Denn trotz der inhaltlichen Stärken, die leicht auszumachen sind, verfällt der nur 77 Minuten lange Film in Langatmigkeit und kann genauso gut als ein weiterer langwieriger und betont wichtigtuerischer Beitrag des eisigen russischen Kinos gesehen werden. Doch die lyrische Reise durch die unbewohnten Wälder Russlands hat einen bedeutenden Unterschied: Die Kameraarbeit.

Kameramann Mikhail Krichman versteht es in diesem wortkargen Beitrag des russischen Films die Bildsprache so einzusetzen, dass der Zuschauer nicht einen Film wahrnimmt, der nur um der Kunst willen als Kunstfilm daher kommt, sondern als einen Film der Thematik, Inszenierung und Intention verbindet, um dadurch einen Sinn für Atmosphäre und Komposition zu schaffen. „Stille Seelen“ ist melancholisch, versteht es aber eine Bildsprache zu entwickelnt, die das kalte Land und die Konflikte der Figuren zu einer kräftigen Ballade machen. In einer Szene sieht man Aist und seinen Freund in einem Auto eine Brücke passieren. Der Zuschauer sieht, wie das Auto immer kleiner wird, sich immer weiter entfernt, aber scheinbar niemals die Brücke komplett passiert, so groß ist das Konstrukt aus Beton und Stahl. „Stille Seelen“ verfügt über viele dieser Szenen, die mit langsamen Kameraeinstellungen und wenigen Schnitten auskommen, aber ausdrücken, was die Figuren nicht sagen wollen oder können. Krichman bringt die urbane Welt eines im Aufbruch befindenden Russlands mit den alten Traditionen in Einklang. Eine Beerdigung auf einem eingefrorenen Fluss, im Hintergrund jagt ein Hochleistungszug vorbei.

Dazu zählt auch die Symbolik des Films, die sich vielleicht in den zwei Vögeln ausdrückt, die die Reise begleiten. Tausende Kilometer gehen vorüber, während Miron seinem Freund die intimsten Geheimnisse anvertraut – die beiden Spatzen auf dem Rücksitz abgestellt. „Stille Seelen“ lässt hier viel Spielraum für Erklärungsversuche und lässt mit seiner unspektakulären Inszenierung am Ende ebenso die Frage offen, was an diesem surrealen Trip wahrhaftig und was Traum war. Vielleicht sind die beiden Spatzen ebenso zwei Liebende, die in ihrem Käfig – der Welt – gefangen sind.
Was der Zuschauer mit diesem Material anfängt, ist ihm überlassen – und tatsächlich kann er den Film in seiner Form ja auch als harten russischen Brocken einfach ablehnen. Wer aber Gefallen an ungeschöntem Stoff hat, erhält einen schnörkellos erzählten Film, der wie eine lyrische Ballade die Probleme zweier Männer mit Kultur und Tradition in einem Land im Umbruch widerspiegelt und gleichzeitig die eisige Schönheit wie die Abgelegenheit des ländlichen Russlands auf den Punkt bringt. Ein skurril-gewöhnungsbedürftiger Film, der aber nicht bestreitbar macht, dass Regisseur Fedorchenko einen ausgeprägten Sinn für Komposition, Bilder, Stimmungen und Kameraführung hat. Fazit: Ein schwerer Brocken russisches Arthouse-Kino, mit ausgeprägtem Sinn für Bildsprache inszeniert. Kunstfreunde aber, die Kino nicht nur als Ort für Unterhaltung sehen, können an Fedorchenkos wortkargem Film durchaus ihre Freude haben.





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