VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Die Vaterlosen (2011)


Ein halbverfallenes Haus idyllisch gelegen irgendwo in Österreichs Nirgendwo ist der Schauplatz des Langfilmdebüts von Drehbuchautorin und Regisseurin Marie Kreutzer, dass 2011 auf der Berlinale präsentiert wurde und inzwischen mehrere Preise einheimsen konnte.

Das große Haus beherbergte einst eine Hippie-Kommune, die im weitläufigen Garten Gemüse anpflanzte und - zum Misstrauen der Nachbarn - nach dem Ideal der freien Liebe lebte. Hierarchie-frei war das Kommunarden-Leben freilich nicht - der charismatische Hans (Johannes Krisch) war Patriarch der wahlfamilie und Vater von dreien der vier Kinder die hier lebten, bis die Kommune zerfiel wie das Haus, das sie einst beherbergte. Zum Tod des Patriarchen treffen sich nun die Kommunen-Kinder mit ihren Lebensgefährten im zerfallenden Haus wieder und tauschen ihre Erinnerungen aus. Insbesondere die an einer neurophysiologischen Störung leidende Mizzi, geboren kurz vor dem Auseinanderbrechen der Kommune und aufgewachsen in recht normalen Familienverhältnissen, möchte mehr vom früheren Leben in ihrem Elternhaus erfahren - zumal ihr ihre ältere Halbschwester Kyra ein Leben lang vorenthalten wurde. Und natürlich möchte auch Kyra in Erfahrung bringen, warum sie komplett aus der kollektiven Erinnerung gestrichen wurde, nachdem sie mit ihrer Mutter die Kommune verlassen hatte. Und so wird die Zusammenkunft genutzt, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen um sie schließlich endgültig zu beerdigen.

Marie Kreutzer, geboren 1977 in Graz, legt mit "Die Vaterlosen" keine wirkliche Abrechnung, aber doch zumindest einen Abgesang auf die Hippie-Zeit vor - und zeigt dabei, welche Auswirkungen, positive wie negative, das Kommunenleben auf die Kinder der Kommunarden - Kreutzers Generation - hatte. Einerseits die Freiheiten der Kinder und das Leben in einer großen "Familie", deren Zusammengehörigkeit nicht durch Blut und Gene, sondern eben das gemeinsame Leben bestimmt wird - andererseits das teilweise Desinteresse der Freiheitsliebenden Eltern an ihren Kindern.
Erzählt wird "Die Vaterlosen" aus der Perspektive der Kommunen-Kinder auf zwei miteinander verwobenen Zeitebenen. So wird zum einen in Rückblicken die Geschichte der Kommune bis zu ihrem Zerfall aufgedröselt, zum anderen werden die Folgen der Vergangenheit für die inzwischen erwachsenen Kinder und ihre gegenwärtigen Beziehungen gezeigt. Ein wenig wie im Krimi entblättert sich dabei Stück für Stück das gut gehütete Familiengeheimnis um Mizzi und Kyra.
Insgesamt ist das Drehbuch auffallend gut - sowohl der Plot als auch die unterschiedlichen Charaktere sind stimmig und nachvollziehbar geraten. Optisch kommt das ganze wenig spektakulär, aber passend, in naturalistischer Blässe daher. Und auch an der schauspielerischen Leistung des Ensembles gibt es nichts zu meckern, wobei insbesondere Johannes Krisch als Hippie-Patriarch Hans und Andrea Wenzl in der Rolle der wegen der vermeintlichen Zurückweisung durch ihren Vater tief verletzten und verbitterten Kyra zu überzeugen wissen.

Fazit: Stimmiger Abgesang auf die Hippie-Zeit nach einem hervorragenden Drehbuch mit gutem Schauspielensemble inszeniert. Sehenswert!





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.