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Naokos Lächeln
Naokos Lächeln
© Pandora Film

Kritik: Naokos Lächeln (2010)


"Norwegian Wood" ist der Originaltitel dieses Films – und der Name eines Beatles-Songs. Und es ist eine Zeile aus diesem Lied, die das gesamte Dilemma des Protagonisten Tōru Watanabe (Kenichi Matsuyama) auf den Punkt bringt: "I once had a girl, or should I say, she once had me?". Das Mädchen, das er einst vielleicht hatte, heißt Naoko (Rinko Kichuchi), und er ist überzeugt, dass er sie aufrichtig liebt. Doch über ihre Gefühle für ihn ist er sich nicht sicher. Denn einst war Naoko die Freundin seines besten Freundes Kizuki, der sich im Alter von 17 Jahren das Leben genommen hat. Dieser Selbstmord hat Watanabe und Naoko tiefe Wunden zugefügt, die sie niemals verwunden haben.

Nach der Schule sind sie unabhängig voneinander zum Studieren ins ferne Tokio gegangen – und wollten der Erinnerung an Kizuki entfliehen. Beide sind Außenseiter und meiden die Welt, daher scheint es eine glückliche Fügung zu sein, dass sie sich eines Tages zufällig begegnen. Einige Monate verbringen sie jeden Sonntag zusammen, indem sie umherstreifen und reden, über Kizuki aber verlieren sie nie ein Wort. An ihrem 20. Geburtstag offenbart Naoko Watanabe, dass sie nicht älter werden will und bricht in Tränen aus. Watanabe tröstet sie und sie schlafen miteinander. Danach verschwindet Naoko und erst Wochen später erfährt Watanabe, dass sie sich in einem Sanatorium befindet. Dort besucht er sie einige Male und ist fest von seiner Liebe zu ihr überzeugt. Doch während sie in der hermetischen Abgeschiedenheit des Sanatoriums weilt, muss Watanabe im normalen Leben zurechtkommen. Das ist das Tokio der späten 1960er Jahre, es gibt Studentenunruhen, die Jugend rebelliert – und Watanabe steht außen vor, er bewegt sich inmitten der Massen als gehöre er nicht dazu, als befände er sich im Traum. Er steht seinen Mitmenschen gleichgültig gegenüber, bis er das Mädchen Midori kennenlernt. Während Naoko für die Vergangenheit, den Schmerz und den Tod steht, verkörpert Midori die Gegenwart, die Liebe und die Zukunft. Sie äußert ihr Begehren offen, Naoko hat hingegen nach jener einen Nacht ihr Lustempfinden verloren.
Naoko und Midori verkörpern zwei entgegengesetzte Punkte, zwischen denen Watanabe in der Romanvorlage von Haruki Murakami oszilliert. In dem Film des vietnamesisch-französischen Regisseurs Tran Anh Hung steht hingegen die Liebesgeschichte zwischen Naoko und Watanabe im Mittelpunkt. Diese Geschichte wird vor allem von Watanabes Überzeugung getragen, dass er Naoko liebt und lieben muss. Leser von Murakamis Roman kennen diesen Glauben, sie erfahren ihn vor allem aus Watanabes Gedanken und Erzählungen. Doch im Gegensatz zum Roman, in dem Watanabe im Alter von 37 Jahren auf diese Ereignisse zurückblickt, befindet er sich im Film in der Gegenwart. Diese Unmittelbarkeit ist wohltuend für die Liebesgeschichte, die dadurch einer übertriebenen dramatischen Überhöhung entgeht. Stattdessen finden Tran Anh Hung und sein Kameramann Mark Lee Ping Bin wunderschöne Bilder für die schwierige Liebesgeschichte. Wenn Naoko und Watanabe immer wieder umherwandern, symbolisiert die Natur ihre Seelenzustände, ohne aufdringlich zu werden. Außerdem ist in dem insgesamt guten Darstellerensemble insbesondere Rinko Kichuchi als Naoko hinreißend. Sie verlieht dieser Figur eine Glaubwürdigkeit und Eindringlichkeit, die sie im Roman nicht besessen hat.

Dennoch ist eine Identifikation mit den Charakteren nur schwer möglich. Dazu erscheint alles zu entrückt, zu poetisch fern. Zumal dem Film insgesamt eine starke Erzählstimme fehlt, die die einzelnen Szenen beieinander hält. Mitunter scheint es, als würden die einzelnen Sequenzen lediglich Passagen des Romans bebildern, anstatt der Geschichte des Films zu dienen. Hier hätte Tran Anh Hung mutiger sein sollen. Denn so finden sich die Gefühle vor allem in den Bildern und dem fantastischen Soundtrack von Jonny Greenwood wieder.

Fazit: Regisseur Tran Anh Hung hat Haruki Murakamis Erfolgsroman als melancholische Elegie der Sehnsucht verfilmt. Er findet zahlreiche, wunderschöne Bilder für das Sterben, den Schmerz und die Schönheit. Doch insgesamt fehlt "Naokos Lächeln" das Herz. Daran kann auch die großartige Rinko Kichuchi nichts ändern.





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