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Kritik: Im Keller (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In Österreich mussten wegen dieses Films zwei Ex-ÖVP-Gemeinderäte zurückgetreten. Sie sind in Ulrich Seidls "Im Keller" in einem Kellerraum zu sehen, in dem Bilder Adolf Hitlers, Schaufensterpuppen in Reichswehr-Uniform und andere "Erinnerungsstücke" aus dem Dritten Reich zu sehen sind. Dies sei sein Aufenthaltsraum, betont der Besitzer Josef Ochs auch. Hier trifft er sich mit seinen Freunden und Blasorchesterkumpanen, um zu trinken. Im Nachhinein Männer behaupten nun, es sei alles nur inszeniert gewesen, Ulrich Seidl betont hingegen, dass er nur gefilmt hat, was in diesem Keller üblicherweise geschehe. Allein diese Episode verweist sowohl auf Seidls Arbeitsweise als auch die Problematik des Films. Ulrich Seidl dreht keine Dokumentarfilme im engen Sinn, er filmt nicht, was er sieht, sondern verdichtet und arrangiert. So stehen Frauen nicht ruhig neben einer Waschmaschine im Keller, in Seidls Arrangement ergibt sich dadurch aber ein bestechendes Tableau. Sein Vorgehen bei diesem Film scheint klar: Er besucht Menschen und schaut in ihre Keller. Dabei filmt er nicht, was er vorfindet, sondern entwirft subjektive Bilder, meist zu Tableaus angeordnet – und oftmals mit visuell grandioser Parallelität. Dabei entsteht gerade in der ersten Hälfte des Films Humor durch den Schnitt und überzeugt Seidls Sinn für Absurdität. Zu diskutieren ist hingegen, ob Ulrich Seidl nicht bei wenigstens zwei Episoden eine Grenze überschreitet und seine Protagonisten der Lächerlichkeit preisgibt. Zum einen ist hier die bereits erwähnte Episode im Nazi-Keller zu nennen, die mit Bildern eines Trinkgelages der Blaskapellenkumpane endet – und einen der Anwesenden volltrunken zeigt. Zum anderen zeigt er einen Mann erst bei seiner Arbeit, später zu Hause mit seiner Frau. In ihrer Beziehung ist sie die Herrin und er der Sklave. Auf ihren Befehl hin reinigt er die Toilette mit seiner Zunge, erst danach gehen sie in den Keller. Hier geschehen die ‚harten‘ Dinge, beispielsweise lässt er sich an seinem Hodensack zur Decke hochziehen. Nun zeigt Ulrich Seidl noch weitere Sado-Maso-Paare, jedoch verlässt die Kamera nur hier den Keller und zeigt den Mann auch außerhalb des Hauses. Zudem ist es das einzige BDSM-Paar, bei dem die Frau dominant ist. Die Ausführlichkeit des Gezeigten, das Verlassen des Kellers sorgt wenigstens für Irritation und hier scheint Seidl auf einen Effekt beim Publikum zu setzen, der aus Lachen oder Wegsehen besteht. Gegen diese Episoden verblassen der Mann, der eine unterirdische Schießanlage betreibt und seine Ansichten zum Islam kundtut, oder die Frau, die in ihrem Keller Puppen in Kartons aufbewahrt, sie aber dennoch wie Babys behandelt. Sie sind Beispiele dafür, wie sich hinter der vermeintlichen Normalität Abgründe verbergen. In Erinnerung bleibt indes ein Mann, der sich an seinem Hodensack hochziehen lässt. Aber allen das Seild mit seinem Film Anlass zum Nachdenken über die Grenze zwischen dem Dokumentarischen und Fiktionalen und die Verantwortung des Filmemachers gibt, macht diesen Film schon sehenswert.

Fazit: "Im Keller" ist abermals ein visuell brillanter Film von Ulrich Seidl, an dem sich die Grenzen des Dokumentarischen und die Verantwortung des Filmemachers diskutieren lassen.




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