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Kritik: Chatroom (2010)


Basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Enda Walsh bringt der japanische Regisseur Hideo Nakata nach „The Ring“ einen gesellschaftskritischen Rache-Thriller auf die heimischen Bildschirme, der leider weniger beeindruckt als erwartet. Zwar regen die Ansätze durchaus zum Nachdenken an, sind aber teils zu plakativ und konstruiert zusammengeführt.

Soziale Netzwerke spielen eine immer wichtigere Rolle in der heutigen Gesellschaft. Ob Facebook, Twitter oder sogenannte Chatrooms. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen die schnellste Möglichkeit der Telekommunikation das Telefon war. Um neue Freunde kennen zu lernen, muss man nur noch bedingt auf eine der großen Partys in der Umgebung. Doch dass von der Anonymität des Web 2.0 auch eine große Gefahr ausgeht, dürfte den meisten Internetnutzern wohl klar sein und ist immer wieder Dorn im Auge vieler Kritiker.

Diese Erfahrung müssen auch die vier Schüler Eva, Jim, Emily und Mo machen, als sie dem zu Beginn sehr sympathischen William begegnen und zu einer scheinbar zusammenhaltenden Gruppe im Kampf gegen die grausame Realität werden. Ob durch ihre Eltern, sich selbst, oder die Gesellschaft an sich, alle fünf sind auf ihre ganz eigene Weise Ausgestoßene, die sich im wahren Leben nicht mehr zurechtfinden.

Schon die ersten Minuten des Films legen die Unterschiede zwischen dem behaglich privaten, farbenfrohen Chatroom und dem grauen Lebensalltag der Protagonisten wunderbar atmosphärisch dar. So sitzen sie leicht abgeschottet und alleine vor dem PC, die Bildfarbe zugleich relativ blass und grau gehalten. Im Chatroom jedoch ein ganz anderes Bild. Alles ist bunt und knallig, die Charaktere gut angezogen und das Interessante: sie wissen sich den anderen gegenüber zu artikulieren.

Doch schnell wird dem Zuschauer deutlich, dass der anfangs sympathische William den anderen Teilnehmern gar keinen Halt bieten will, sondern seine Probleme auf ihre projiziert und ihnen so seine gesellschaftliche Wut und Verzweiflung aufdrängt. Besonders einen der Teilnehmer manipuliert er in scheinbar derart überzeugender Weise, dass dieser ihm stellenweise willenlos zu folgen scheint. Dabei wird die Motivation des Protagonisten, andere ins Verderben zu führen, ebenso nur ansatzweise verständlich wie die Tatsache, dass seine platonische Liebschaft die radikalen Aussagen ihres virtuellen Traumlovers wider besseren Wissens kaum negiert. Leider ist auch der von ihm in Mitleidenschaft gezogene Teenager für das ein oder andere Verständnis wohl zu naiv geraten.

Ist die Umsetzung insgesamt eigentlich relativ gut gelungen, entpuppt sich die Translation des Chatrooms in eine räumlich-bildliche Darstellung als markantes Merkmal des Films, welches leider zugleich eine große Bürde darstellt. So wird zwar die Gewalt und Macht, die von der anonymen Masse ausgeht, sehr bedrohlich dargestellt, aber das Visuelle rückt zuweilen allzu sehr vor die eigentlich weitaus wichtigere Charaktertiefe. Die Konflikte der Protagonisten werden in die meisten Richtungen nur halbherzig ausgebaut. Besonders die Selbstzweifel des unglücklich und für seinen Kumpel unverständlich verliebten Mo, die herauswächst aus der eigenen Angst davor als Monster zu gelten, werden ebenso unzulänglich und kurz abgehandelt wie der Handlungsstrang des Mädchens, welche ihren Eltern Angst einjagt um von ihnen mehr Liebe zu erfahren.

Für die Endmoral des Films, dessen Konzentration vorrangig auf dem sehr respektabel spielenden Aaron Johnson ("Kick Ass") liegt, der nach seiner komödienhaften Rolle in "Kick-Ass" nun weitaus dramatischer Züge annimmt und auf positive Weise kaum wiederzuerkennen ist, macht die oberflächliche Behandlung der Nebencharaktere zwar keinen großen Unterschied, aber dem Gesamtergebnis hätte eine weitaus differenziertere Betrachtung unterschiedlicher Probleme etwas mehr "Butter bei die Fische" gegeben. Auch fällt die Realität vor dem filmischen Stilmittel des verbildlichten Chatrooms recht eindimensional aus. Dieser macht zwar die Emotionen der einzelnen Charaktere sichtbar, lässt ihren eigentlichen Ansporn und ihre Gedanken aber erstaunlich oft im Verborgenen. Der finale Schockmoment des Films erweckt zudem das Gefühl einer allzu künstlich erzwungenen Dramatik.

Fazit:Letztlich ein solider Thriller, dem man einen Funken mehr Vernunft und Liebe zum Charakterdetail gewünscht hätte. Die Dialoge treten vor dem Optischen leicht zurück und geben damit den Blick frei auf eine sehr gelungene, wenngleich zu arrangierte Dramengeschichte und ein gutes Darstellerensemble. Ein guter Film, der nur bedingt Soziale Netzwerke aber vorrangig den Menschen dahinter verurteilt.




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