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ParaNorman
ParaNorman
© Universal Pictures Germany

Kritik: ParaNorman (2012)


Für viele Filmliebhaber gilt sie als die schönste, vollkommenste und lebhafteste Variante des Animationsfilms: Der Stop-Motion-Film. In vielerlei Hinsicht wirken jene Filme, deren Ableger es nicht erst seit Nick Parks "Wallace and Gromit" unzählige Male gegeben hat, deutlich intensiver auf ihr Publikum, weil hinter den kleinen Figuren, die Überlebensgroß auf der Leinwand erscheinen, immer ein künstlerischer Handwerker steht, der seinen Figuren einen plastischen, realexistierenden Look verpasst hat, der dadurch im Gegensatz zu komplett an Computer entworfenen Figuren für mehr Seele und Identifikation sorgt. "Chicken Run", "Nightmare Before Christmas" oder "Der fantastische Fox" - die Liste der modernen Klassiker ist lang. Dabei erfordert ein Stop-Motion-Film eine Menge kreativer Arbeit, muss doch Bild für Bild, Szene für Szene jegliche Welt von Hand erschaffen werden. Im Ergebnis aber ist der Spaß an dem fertigen Produkt gleich viel größer - das Filmerlebnis ist intensiver und mitreißender, wenn der Zuschauer mit dem Vorspann in eine vollständig aus Ton, Knete oder Plastik erbaute Welt geworfen wird.
So auch im neusten Animationsfilm "ParaNorman", hinter dem nicht nur die Creme de la Creme der Tricktechniker, wie Kameramann Tristan Oliver ("Der fantastische Mr. Fox") oder Produktionsdesignerin Nelson Lowry ("Corpse Bride") steckt: Vor allem die fabelhaft gruselige Geschichte, die in stilsicherer Tim Burton-Tradition Humor, Intelligenz und Nachdenklichkeit zu einem ungemein vergnüglichen Filmspaß verbindet, bildet den Kern von "ParaNorman". Ein animiertes Highlight, welches im Gegensatz zum kindgerechten "Lorax" eindeutig auf ein älteres, erwachsenes Publikum zugeschnitten wurde.

Dass auch der Stop-Motion-Film irgendwann von der 3D-Technik eingeholt werden würde, war allen Beteiligten klar. Die Frage war nur: Wann? Mit "ParaNorman" ist nun der erste Stop-Motion 3D-Spaß entstanden, der aber auch gleichzeitig das schon bekannte Dilemma zu Tage fördert: Die 3D-Technik setzt auch im Film von Sam Fell und Chris Butler kein sonderliches Ausrufezeichen. Sie ist nicht unbedingt störend, aber an vielen Stellen überflüssig, da nicht bemerkbar.
Der Aufwand, der zur Erstellung des Stop-Motion-Films betrieben wurde, kann sich jeder Zeit sehen lassen - die Ersatzgesichter der Puppen wurden beispielsweise mit einem 3D-Farbdrucker hergestellt. So benötigt die Animation den zusätzlichen 3D-Stempel einfach nicht. Die Schönheit hinter dem Produkt, die Kreativität des Teams um Regisseur Fell und deren aufwendige, wie liebevolle Arbeit an den Figuren, sind schon genug, um den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Besonders bemerkenswert: Wenn Hauptfigur Norman in einer Totalaufnahme zu sehen ist, sieht der Zuschauer eigentlich einen 4,7 cm großen Puppenkopf – allerdings 380 Mal vergrößert. Wer also einen Blick hinter die Kulissen des Films wirft und sieht, wie aufwendig kleinste Szenen produziert wurden, kann vor der handwerklichen Leistung des Films nur den Hut ziehen. Hier legt "ParaNorman" die Messlatte wieder ein Stück höher und kann sich so problemlos gegen seine animierten Konkurrenten wie "Ice Age" oder "Der Lorax" durchsetzen.

Inszenierungstechnisch erinnert der Film durch seine Kameraeinstellungen, Großaufnahmen und seiner Bildsprache sehr an alte Zombiefilme und wirkt zu jeder Zeit wie eine kleine Hommage an das beliebte Genre. Gerade der Opener des Films, der mit seiner Liebeserklärung an schlecht gemachte Horrorfilme für viele Lacher im Publikum sorgen wird, verstärkt diesen Eindruck, der sich bis zum Ende hin hält. "ParaNorman" steckt voller Zitate, die meist stark versteckt erst einmal gesichtet werden müssen. So entwickelt sich der Film von Sam Fell zu einem sehr anspruchsvollen, da intelligent aufgebauten Film, der seine kleinen filmhistorischen Seitenhiebe, Wortspiele und Anekdoten sehr dezent platziert, was den Spaß bei einem zweiten Schauen aber umso mehr steigern wird. Dennoch ist auch für den einfachen Humor sehr gut gesorgt. Gerade die vielen Slapstick-Nummern erinnern in ihrer Kuriosität an britischen Galgenhumor und parodieren das Zombie-Genre mit viel Pfiff, Abwechslung und Cleverness. Die vielen Dialogwitze allerdings sind sehr auf den erwachsenen Zuschauer ausgelegt, wodurch sich "ParaNorman" für Kinder disqualifiziert.

Sehr stringent entwickelt sich "ParaNorman" im zweiten Teil des Films im Geiste vieler Tim Burton-Filme. Nicht nur weil er von den gleichen Tricktechnikern produziert wurde wie einst "Corpse Bride" oder "Nightmare Before Christmas", sondern auch thematisch, weil besonders im Schlussdrittel gesellschaftskritische Töne laut werden. Im Mittelpunkt steht dabei, wie einst bei "Edward mit den Scherenhänden", die Angst vor dem Anderssein und dem daraus resultierenden Mobbing. Hier zeigt sich der tiefgründige Aspekt, der nachdenkliche Faktor in "ParaNorman", der dem Film, der sich bis dahin vor allem mit durchdachten Witzen um den Rang als Kultfilm beworben hat, den letzten positiven Schliff verleiht.

Fazit: Eine Liebeserklärung an das Zombie-Genre: Der eindeutig auf Erwachsene ausgelegte "ParaNorman" steckt voller Zitate, Anlehnungen, dezent platzierter Wortspiele und zieht seinen Zuschauer in eine kreativ aufgebaute Welt, die ihren eigenen, magischen Charme versprüht. Ein möglicher Kultfilm: Unbedingt sehenswert!




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