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Kritik: The Song of Names (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Das Drama, das der kanadische Regisseur François Girard inszeniert hat, spannt seinen epischen Bogen über einen Zeitraum von 49 Jahren. Während der Engländer Martin Simmonds ins Ausland fliegt, um seinen seit 35 Jahren verschollenen Ziehbruder Dovidl Rapoport zu suchen, vertiefen sich Rückblenden in seine Erinnerungen. Anfangs hatte das Kind Martin nur ungern sein Zimmer mit dem gleichaltrigen polnisch-jüdischen Geigentalent geteilt, das sich seiner Begabung nur allzu bewusst war. Während der Krieg auch in England wütete, wurden Dovidl und Martin engste Vertraute. Was konnte Dovidl nur veranlasst haben, als junger Mann unmittelbar vor seinem ersten großen Konzertauftritt der eigenen Karriere und seiner Ziehfamilie den Rücken zu kehren?

Die auf dem gleichnamigen Roman von Norman Lebrecht basierende Geschichte bezieht einen gewissen Reiz aus dem permanenten Wechsel der Zeitebenen. Tim Roth spielt Martin, der sich in den 1980er Jahren auf die Suche nach Dovidl begibt, als einen müde und dennoch rastlos wirkenden Mann. Schon immer waren Dovidl und er gegensätzliche Charaktere und so kann er sich auch nicht mit seinem radikalen Abbruch der Beziehung abfinden. Von seinem Vater hatte Martin ja auch quasi die Aufgabe übernommen, Dovidls Ausnahmetalent zu fördern. Es darf aus seiner Sicht nicht sein, dass Dovidls Kunst nicht auf den Bühnen der Welt erklingt.

Dovidl wird am eindringlichsten als rebellisches, von dunkler Traurigkeit umhülltes Kind dargestellt, das der junge Luke Doyle überzeugend spielt. Als junger Mann und auch als Erwachsener hingegen wirkt er weniger greifbar. Die Handlung bürdet ihm aber dennoch eine Menge gewichtiger Erlebnisse und Entscheidungen auf, wodurch die Rolle in lauter Bruchstücke zu zerfallen droht.

Ähnlich wie in Girards Film "Die rote Violine" wird außergewöhnliche Musik als Spiel eines begnadeten Virtuosen auf einem meisterhaft gebauten Instrument begriffen. Dovidl hatte eine wertvolle Geige von seinem Ziehvater geschenkt bekommen. Den Schmerz und das Leid, die er nicht in Worte fassen kann, vertraut er eines Tages seiner Geige an. Filmkomponist Howard Shore lieferte gleich zwei Versionen des "Song of Names", nämlich auch eine sehr eindringlich von einem Rabbiner gesungene. Trotz einzelner solcher, sehr gefühlsintensiver Momente fehlt es dem Film an innerer Dynamik und lebendiger Charakterzeichnung.

Fazit: Der kanadische Regisseur François Girard vertraut wie schon in "Die rote Violine" erneut auf die emotionale Magie der Geigenmusik. Aber die Geschichte über einen polnisch-jüdischen Jungen, der während des Krieges bei einer englischen Familie aufwächst und sich anschickt, die Konzertbühnen zu erobern, wirkt inhaltlich überfrachtet. Denn es geht, auf dem gleichnamigen Roman von Norman Lebrecht basierend, um eine vom Holocaust zerschnittene Künstlerbiografie und auch um das Wesen einer tiefen Freundschaft, erzählt im Wechsel dreier zeitlicher Ebenen. Dabei fehlen dem Film innere Spannkraft und eine lebendige Charakterzeichnung.






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