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Plakat - Doppelleben
Plakat - Doppelleben
© Camino

Kritik: Doppelleben (2011)


Der in Zürich geborene Regisseur, Autor und Produzent Douglas Wolfsperger gehört seit knapp 20 Jahren zu den profiliertesten deutschen Filmemachern, vor allem im Bereich des Dokumentarfilms. Wolfspergers Spezialität sind Porträts ganz normaler Menschen, deren Alltag er auf einfühlsame Weise offenlegt und dokumentiert. So drehte er bis heute zahlreiche Dokumentationen etwa über Müllmänner, eine Klofrau oder auch Weihnachtsmänner und zeichnete ein genaues, realitätsnahes Bild von deren (beruflichem) Alltag. Realisierte Wolfsperger seine frühen dokumentarischen Arbeiten noch vorwiegend für das Fernsehen, schafften seine Filme bald den Sprung vom Bildschirm auf die große Leinwand. Seine Kino-Dokus "Bellaria – so lange wir leben" (2001), "Die Blutritter" (2003) oder auch "Der lange Weg ans Licht" von 2006 wurden von der Kritik gefeiert und liefen äußerst erfolgreich auf diversen Filmfestivals. Nun startet mit "Doppelleben" der neueste Film des Doku-Spezialisten in den deutschen Kinos.

"Doppelleben" geht der Frage nach, wie es sich anfühlt, wenn ganz normale Menschen plötzlich eine andere Identität annehmen. Wie wirkt sich das "zweite Ich" auf das bisherige Leben der betroffenen Menschen und deren Familien aus? Welche Konsequenzen hat diese neue Identität für die eigene Psyche und wie verändert sich dadurch die Selbst- und Fremdwahrnehmung? All dies versucht Wolfsperger mit seinem Film zu beantworten, indem er mit seiner Kamera zwei Frauen begleitet, die als Doppelgänger ihr Glück versuchen.

Susanne Knoll ist Mutter dreier Kinder und führt ein eher eintöniges, unscheinbares Leben in Lübeck. Auf einem Polterabend ändert sich ihr Leben plötzlich schlagartig: Ein Agent spricht sie auf ihre verblüffende Ähnlichkeit mit Angela Merkel an und macht ihr kurz darauf das Angebot, als professionelles Merkel-Double zu arbeiten. Der Beginn eines neuen Lebens. Knoll schlüpft immer öfter die Rolle der Politikerin, hält Reden, tritt auf öffentlichen Veranstaltungen auf und ist mit ihrer neuen Identität bald überaus erfolgreich. Doch die Konkurrenz schläft nicht: Auch Marianne Schätzle vom Bodensee will sich als Merkel-Double etablieren. Mit dem Konkurrenzdruck im Hinterkopf wachsen beide Frauen immer mehr in ihre gespielte Rolle hinein und die Grenze zwischen wahrer und gespielter Identität verschwimmt zunehmend. So stellt sich am Ende die Frage, wie weit das Spiel mit der Identität getrieben werden kann?

Im Mittelpunkt von "Doppelleben" stehen zwei (ehemals) unbekannte, gewöhnliche Frauen, die einem normalen, oft tristen Alltag nachgingen - bis sich deren Leben schlagartig änderte und sie sich als Double von Angela Merkel eine zweite Identität aufbauten. Der Film beginnt mit dem Besuch von Susanne Knoll in einem Perückenladen und folgt ihr in den nächsten Minuten bei ihrer erstaunlichen Verwandlung in die deutsche Kanzlerin. So hautnah wie in den ersten Minuten folgt Regisseur Douglas Wolfsperger Knoll auch im weiteren Verlauf des Films. Der Zuschauer sieht Knoll als Merkel-Doppelgängerin im Berliner Regierungsviertel umherlaufen, wie sie von Bodyguards zur Luxus-Limousine geführt wird, aus dem fahrenden Auto ihren Fans zuwinkt und wie sie auf einer Demonstration von den Protestanten tatsächlich für die echte Angela Merkel gehalten wird. "Doppelleben" hält dabei allerlei skurrile, komische Momente fest und bietet einen intensiven und ebenso informativen wie spannenden Einblick in das Leben und die Arbeit eines Doppelgängers. Daneben erzählen Knolls Entdecker und ihr Manager von den Voraussetzungen, die man als Double mitbringen sollte.

Darüber hinaus erzählt der Film auch von Knolls härtester Konkurrentin, Marianne Schätzle vom Bodensee, welche ebenfalls versucht, sich einen Namen in der Branche zu machen. Beide Doppelgängerinnen berichten von einem erbitterten Konkurrenzkampf und von allerlei Druck und Stress, den das Dasein als Doppelgänger mit sich bringt. Auch die Familienmitglieder, wie etwa die drei Töchter von Susanne Knoll, kommen zu Wort, schildern ihre Sicht der Dinge und beschreiben, was die neue Identität der Mutter an Veränderungen für das Familienleben brachte. An dieser Stelle setzt sich "Doppelleben" auch kritisch mit dem Phänomen der "Doubles" auseinander, spürt den negativen Auswirkungen dieses "Doppellebens" nach und spart auch Themen wie Identitätsfindung und Persönlichkeitskrise nicht aus. Der Film macht somit auf nachhaltige Weise deutlich, wie schwer es den beiden Frauen fällt, eine Balance zwischen dem alten, gängigen Leben und dem neuen, strahlenden Dasein als Politiker-Doppelgänger zu finden. Denn eine wichtige Botschaft vermittelt der Film bereits nach der Hälfte: das Annehmen einer anderen Identität sorgt neben einer rein äußerlichen eben auch für eine innere Verwandlung, die eine Menge Gefahren und Schattenseiten nach sich ziehen kann.

Fazit: Die Dokumentation "Doppelleben" erzählt auf amüsante und informative Weise vom spannenden Leben als Politiker-Double und wagt eine kritische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Doppelgängers.





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