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Kritik: Revision (2012)


Es ist der 29. Juni 1992, als zwei Bauern nahe der Deutsch-Polnischen Grenze in Mecklenburg-Vorpommern zwei Leichen auf einem Getreidefeld finden. Vier Jahre später kommt es zu einem Prozess gegen zwei Jäger, die die beiden rumänischen Staatsbürger auf der Flucht nach Deutschland erschossen haben sollen. Sie geben zu Protokoll, dass sie in den frühen Morgenstunden die beiden Flüchtlinge versehentlich mit Wildschweinen verwechselt haben. Da nicht nachgewiesen werden kann, wer von den beiden Jägern geschossen hat, werden beide Angeklagte freigesprochen. Weder die Familie der Opfer, noch rumänische Zeugen werden angehört, noch gibt es eine Antwort auf die Frage, wieso die beiden Rumänen in dieser Nacht sterben mussten. Ein Eklat für die gerade wiedervereinigte Bundesrepublik Deutschland, deren bürokratisches Fiasko nun der Dokumentarfilmer Philip Scheffner in seinem filmischen Tribunal rekonstruieren will. Sein Werk „Revision“ sorgt alleine wegen der brisanten Thematik für genug Zündstoff und für einen unterhaltsamen Abend. Doch der deutschen Filmemacher, der sich eindeutig ohne aktivistischen Eifer dem Thema annähert, zieht mit seiner künstlich langatmigen Inszenierung, journalistischen Mängeln und dem fehlenden Willen, wirklich die Finger in die Wunden zu legen, seinen Film unnötig in die Länge und erstickt ihn in dauerhaft kreisenden Aufnahmen und einer mit Pathos angereicherten Stilisierung, die im Endeffekt einfach nur erschreckend dröge ist. Wie die gefilmten Windräder dreht sich der Film um sich selbst.

Von Beginn an merkt man „Revision“ an, dass der Regisseur seinen Kriminalfall auf eine ganz andere dokumentarische Herangehensweise aufbauen möchte. Zu Beginn werden sehr viele Personen gezeigt, die ihre persönliche Sicht auf den Anfang der traurigen Geschichte an jenem 29. Juni beschreiben sollen. Während man durch die Präsentation der unterschiedlichen Perspektiven noch glauben könnte, der Regisseur will mit seiner Dokumentation nach der Wahrheit in diesem Kriminalfall suchen und die unterschiedlichen Verstrickungen ausleuchten, werden im weiteren Verlauf viele Spuren einfach ignoriert und unzählige offene Fragen nicht beantwortet.
Warum Scheffner zum Beispiel nie einen Polizisten fragt, der zur damaligen Zeit aktiv an der Untersuchung des Kriminalfalls beteiligt war, und elementare Fragen wie jene nach dem Grund für das Verbrennen der Leichen einfach nicht gestellt oder zumindest nicht beantwortet werden, ist unerklärlich. Dafür streckt der junge deutsche Filmemacher seinen Film lieber durch beinahe unerträglichen Pathos und erstickt ihn in schierer Unsinnigkeit, die weder die Geschichte voranträgt, noch künstlerisch wertvoll ist. Bis der Film an dem Punkt angelangt ist, an dem der Zuschauer das Gefühl bekommt, dass etwas geschieht, vergeht eine viel zu lange Zeit.
Besonders wenn es ans Eingemachte geht, wenn von Neo-Nazi-Aufständen, bürokratischen oder juristischen Schweinereien berichtet wird, verhält sich der Interviewer wie die „5 Freunde“ - mit dem Unterschied, dass die wenigstens mit Biss und Leidenschaft an die Sache herangehen würden. Scheffner aber legt seinen betulichen, umkreisenden Stil nicht ab und konzentriert sich vor allem auf die Familien der Opfer. Nun aber minutenlang schweigende Angehörige zu filmen, hat vielleicht seinen Reiz für das Programmkino, zerstört aber die Spannung, die alleine durch die politische Brisanz des Films aufkommt. Kombiniert mit unsinnigen Schwarzblenden und nervtötenden Wiederholungen wirkt „Revision“ zäh wie Leder und lässt alles vermissen, was investigativen Journalismus ausmacht.

Während sich Scheffner in Dilettantismus verliert und den Film einfach nicht enden lassen will, ist das Thema eigentlich ein Brisantes und gerade für die Entwicklung der damals erst wiedervereinigten Republik bezeichnend. Doch am Ende des Films bleiben kaum Vermutungen oder gar Antworten, sondern nur zwei Familien, die auch nach der filmischen „Revision“ keine Lösung erhalten haben. Zwar macht Scheffner zumindest auf das Problem aufmerksam und mit Sicherheit kann man an der eigenwilligen Inszenierung seinen Gefallen finden. Gerade aber auf Basis der journalistischen Arbeit, die in diesem Falle Antworten finden und Verantwortliche ans Licht ziehen sollte, stellt sich „Revision“ als amateurhaftes Fiasko heraus. Am Ende ist es die zu fokussierte Künstlichkeit, die das Werk zu Grunde richtet.

Fazit: Mit Sicherheit muss man nicht mit der populistischen Bratpfanne eines Michael Moore auf brisante Themen einschlagen. Wenn aber ein Filmemacher wie Philipp Scheffner mit grobem journalistischen Dilettantismus und einem unnötig aufblähenden Stil ein wichtiges Thema künstlich zu Grunde richtet, würde man sich über investigativen Journalismus schon freuen.




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