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Sons of Norway
Sons of Norway
© Alamode Film

Kritik: Sons of Norway (2011)


Mit seinem Vater Magnus (Sven Nordin) hat es Nikolaj (Åsmund Høeg) nicht unbedingt leicht: Zu Weihnachten trägt er mit ihm zwei Bananenkisten durch die Reihenhaus-Idylle der Osloer Vorstadt, da sein Vater das Weihnachtsmahl mit der Leibspeise der Affen zelebrieren will. Seine Mutter Lone (Sonja Richter) schaut sich das Treiben mit zurückhaltendem Verständnis an – sie sind eben beide überzeugte Hippies, tolerant und verständnisvoll. Ein Aufstand ist in dieser Familie nur schwer möglich: Wenn Nikolaj nach dem Festessen mit den Töchtern des Weihnachtsbesuchs einen Aufstand anzettelt und "Nieder mit dem Patriarchat" skandiert, machen seine Eltern begeistert mit.

Am Anfang erinnert "Sons of Norway" an eine typische skandinavische Komödie, in denen skurrile, aber liebenswerte Charaktere mit zum Teil derben Humor einige Hindernisse überwinden müssen. Aber dann ändert sich mit einem Schlag der Ton: Nikolajs Mutter stirbt bei einem Autounfall. Ihre Söhne und ihr Mann können sich noch verabschieden, dann werden die Beatmungsgeräte ausgestellt. Magnus ist durch den Tod seiner Frau völlig aus der Bahn geworfen und fällt in eine Depression, also muss sich Nikolaj um seinen Bruder kümmern. Dabei sind seine Bemühungen berührend, zugleich sieht man ihm an, wie sehr er von seinem Vater enttäuscht ist. Ohne seine Mutter fehlt das stabile, lebensnahe Element in der Familie. Mit Nikolaj steht auch der Zuschauer unter Schock und muss mit ihm diesen plötzlichen Umschwung verarbeiten. Dabei fassen Regisseur Jens Lien und Kameramann Morten Søborg diesen Schock in langsame Bilder, hämmernd mit Synthesizer-Sound (Musik: Jan Inge) unterlegt, der die Wucht dieser Ereignisse spürbar werden lässt. Aber ebenso wie Nikolaj fehlt dem Zuschauer die Zeit, mit dieser Wendung umzugehen, da die Handlung weitergeht.
Schließlich entscheidet sich Magnus, dass sein jüngster Sohn Peter besser zu Tante und Onkel kommt, während er und Nikolaj es alleine schaffen müssen. Magnus flüchtet in immer neue wahnwitzige Ideen – wie zum Beispiel ein Haus aus Glas zu bauen – und ist nicht in der Lage, seinem Sohn Stabilität und Regeln zu geben. Also zieht sich Nikolaj in die Welt des Punks zurück und entdeckt das Motto, dass alles scheiße sei, für sich. Aber sein Piercing kommentiert Magnus nur mit der Frage, ob er ausgehen wolle – und weit schlimmer noch: Er findet den Punk schließlich selbst gut. Nikolaj kann nicht gegen seinen Vater rebellieren und mit jedem weiteren Schritt, den er weiter in die Szene eintaucht, wird im Gesicht von Åsmund Høeg die leise Verzweiflung deutlich, mit der er mittlerweile aufbegehrt. Zugleich sorgen Magnus' "väterlichen" Versuche für aberwitzige Bilder. So fährt er mit seinem verunsicherten pubertierenden Sohn in den Ferien in ein Nudisten-Camp und versteht nicht, warum sein Junge sich dort nicht wohlfühlt.

"Sons of Norway" lässt sich schwer einordnen. Jens Liens Film ist kein typisches Coming-of-Age-Drama, obwohl er von einem Jungen erzählt, der sich selbst finden und erwachsen werden muss. Aber hier fehlt die erwachsene Welt als Gegenpart, da Magnus zu verständnisvoll und freiheitlich ist. Außerdem hat Magnus zwar ein großes Herz, ist aber nicht in der Lage, erwachsen und verantwortungsvoll zu agieren. Diese Rolle kam bisher seiner Frau zu und bleibt nach ihrem Tod unbesetzt. Daher fällt es Nikolaj aus diesen Gründen auch schwer, sich gegen seinen Vater zu behaupten und seine Identität zu finden. Aber "Sons of Norway" ist auch kein Drama oder eine Komödie, sondern wechselt die Tonlagen und erzeugt dadurch eine Atmosphäre, in der der Punkrock als Metapher für Zerstörung und Nikolajs Gefühle funktioniert und zugleich viel Energie auf der Leinwand bringt. Die Bilder und Musik gehen daher eine überzeugende Verbindung ein, auch wenn mitunter etwas mehr Komik wünschenswert gewesen wäre.

Fazit: Dem norwegischen Regisseur Jens Lien gelingt nach einem Drehbuch von Nikolaj Frobenius, der auch die Romanvorlage geschrieben hat, ein sehenswerter eigenwilliger Film, der sicherlich nicht jedem gefallen wird. Und das ist gut so.





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