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Offene Türen, offene Fenster
Offene Türen, offene Fenster
© One Filmverleih

Kritik: Offene Türen, offene Fenster (2011)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Tage zwischen Langeweile und Zukunftsangst, Melancholie und Sehnsucht: Die drei Schwestern Marina, Sofia und Violeta hängen allein in der großmütterlichen Villa ab wie Teenager, deren Eltern verreist sind. Das Spielfilmdebüt der argentinisch-schweizerischen Regisseurin Milagros Mumenthaler erzählt in stillen, sehr authentisch wirkenden Szenen von dem eigentümlichen Schwebezustand, der einem selbstbestimmten Aufbruch oft vorausgeht. Das alte Haus bietet den Schwestern Geborgenheit, einen Rückzugsraum, um zu träumen und sich aneinander festzuhalten. Aber zunehmend merken sie, dass seine Einrichtung und seine Antwort auf das Leben ihnen nicht mehr entspricht. Die Beziehungen der drei jungen Frauen und ihre innere Unruhe werden sehr fein beobachtet und haben dabei auch einen hohen Wiedererkennungswert. Denn der Übergang ins Erwachsenenleben und die Anziehungs- und Abstoßungskräfte innerhalb der Familie sind emotionale Erfahrungen, die man nie vergisst.

Die Ruhe und die Freiheit, die die Schwestern in der Villa auskosten, ist voller Reize. Wie Kinder stöbern sie gelegentlich in den Schränken der Großmutter, fläzen sich halbnackt auf dem Sofa, bestellen Pizza. Aber hinter der starken Bindung und der Solidarität machen sich auch Konflikte bemerkbar. Oft sind sie nur von kurzer Dauer und flauen von selbst wieder ab, aber dann geraten sich Marina und Sofia auch ordentlich in die Haare. Jede der jungen Frauen ist auf die Geheimnisse und die Eigenständigkeit der anderen eifersüchtig. Jeder Alleingang kann den fragilen Schwebezustand zerstören.

Die Inszenierung bezaubert mit ihren langen Einstellungen, in denen es kaum einen Wortwechsel gibt, sondern im Gegenteil, beredtes Schweigen herrscht. Man redet in Familien ja auch nicht ständig, und kommuniziert dennoch als Gemeinschaft. Die Gefühle der Schwestern scheinen gerade in den vielen Situationen äußerer Ruhe besonders intensiv auf. Eine herrliche Szene zeigt, wie sie nebeneinander auf dem Sofa sitzen und ein Lied hören, ohne sich anzuschauen. In jedem Gesicht spiegelt sich individuell derselbe Wirrwarr der Gefühle, mal fällt er trauriger, mal zorniger oder auch gefasster aus. Die drei Schauspielerinnen meistern jede für sich auf spannende Weise den ständigen Wechsel zwischen unschuldiger Passivität und Vorwärtsdrang.

Der Schauplatz des Films ist die Villa und der Garten, nur manchmal blickt man auf die Straße oder das Fenster des Nachbarn. Außer ihm selbst läuft sonst kaum noch jemand aus der Außenwelt vor die Kamera. Allenfalls Nachrichten auf dem Anrufbeantworter und das Kommen und Gehen der Schwestern künden ansonsten davon, dass es ein Draußen gibt. Der so authentisch wirkende Film lädt zum Träumen und zum Schwelgen in erinnerten Gefühlen ein.

Fazit: Das Spielfilmdebüt der argentinisch-schweizerischen Regisseurin Milagros Mumenthaler bezaubert als eine ruhige, intensive und genau beobachtete Coming-of-Age-Geschichte dreier Schwestern im Schwebezustand zwischen familiärer Geborgenheit und Aufbruch.




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