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Kritik: Der Vorname (2012)


Wie entscheidend die Namenswahl für ein Kind ist, zeigt sich meistens erst dann, wenn es längst zu spät ist. Schon seit geraumer Zeit haben Sozialwissenschaftler, Pädagogen und Kulturwissenschaftler herausgefunden, wie prägend der Name für die Entwicklung eines Menschenlebens sein kann, weil mit dem Namen nicht nur ein Wort verbunden wird, sondern gleich auch auf die soziale Schicht verwiesen wird, der das Kind entspringt. Wodurch existenzielle Probleme für die liebevoll "Assi-Namen"-Kinder Genannten entstehen – wer z.B. "Chantal" oder "Kevin" heißt, muss mit dem Vorurteil leben, sich nicht vernünftig artikulieren zu können und einer eher niedrigen Bildungsschicht zu entspringen.

Ob man selbst derartige Vorurteile hegt, kann man problemlos herausfinden, in dem man sich eine Person vorstellt, die Chayenne heißt: Blondierte Haare? Moppelig? Kaugummi kauend? Klamotten vom Discounter? In einen Farbtopf gefallen?
Wer sich genau diese Person vorstellt, weiß, wie tief vergraben Namens-Vorurteile sind, die gerade bei Bewerbungen Ausschlusskriterium Nr.1 geworden sind. Aber nicht nur die Wirtschaft oder das Miteinander, sondern auch die Familie kann so ein Vorname arg belasten.

Einen Streit um die Namenswahl zeigt Matthieus Delaporte, dessen Theateradaption "Der Vorname" aufzeigt, wie ein simpler, wenn auch makaberer Gag zu einem familiären Fiasko ausarten kann. Sein Kammerstück ernährt sich von den präzisen Dialogen des Theaterstücks, vom charakterlichen Facettenreichtum abseits ausgelutschter Konventionen und den hervorragenden Schauspielern, die "Der Vorname" zu einem wahrhaft guten europäischen Film macht.

Schon Alfred Hitchcock grübelte lang, um einen geeigneten Inszenierungsstil für sein Kammerstück "Cocktail für eine Leiche" zu finden. Seine Umsetzung gilt bis heute als Musterlösung für die Leinwandadaption solch reduzierter Bühnenstücke. Zuletzt tastete sich Roman Polanski mit "Der Gott des Gemetzels" an ein Theaterstück ähnlichen Ausmaßes an, welches mit Sicherheit auch "Der Vorname" inspiriert hat. Delaportes Film profitiert sehr von der unmerklichen Kameraführung und unscheinbaren Inszenierung, die dem Leinwandtheaterstück volle Präsenz verleiht und sich selbst sehr in den Hintergrund rückt. Dadurch vergisst der Zuschauer nach wenigen Minuten, dass eine Kamera überhaupt anwesend ist, wodurch das Publikum mit dem Stoff verschmelzen kann, den die fünf Figuren in einem Wohnzimmer in einer Pariser Wohnung vortragen.
Delaporte als stummer Begleiter fokussiert sich nur auf das Was – die Figuren und ihre Dialoge – und nicht auf das Wie, wodurch die größte Stärke des Films besonders zum Tragen kommt: Die geschliffene Brillianz der Dialoge. Durch das bekannte Theaterstück schon im Vorfeld existent, basieren sie nicht auf der Arbeit eines intellektuellen Genies, welches im stillen Kämmerlein vor sich hin vegetiert, sondern stammen vom Regisseur und seinem Team selbst. Das Stück wurde von ihnen zuerst auf europäischen Bühnen aufgeführt, um es dann mit Hilfe eines Films in die Welt hinaus zu tragen. Seine Herkunft aus der Theaterwelt merkt man dem Film immer an und sie spiegelt sich auch in der Klasse des Schauspielerensembles wieder. Die einzelnen Darsteller spielen ihre Figuren einerseits übertrieben ausufernd, anderseits authentisch wie lebhaft beherrscht. Mal sind sie laut, mal hysterisch, mal lakonisch - aber immer präsent. Bei den fünf Protagonisten lässt sich kaum ein Schauspieler besonders hervorheben - der Dank für den tollen Film gebührt ihnen allen. Sie unterstützen im Ensemble die Freude des Zuschauers den von Sekunde zu Sekunde aggressiveren, aber auch ehrlicheren Dialogen zu lauschen.

Mittelpunkt der Kontroverse bildet natürlich die Diskussion um einen Vornamen. Bei dem zu Beginn noch als Hahnenkampf dargestellten Streit zwischen Vincent und Pierre wirkt alles noch wie ein intellektuell angestrichener Penis-Vergleich, der schlussendlich aber viel tiefere Gräben aufwirft, als zu Beginn noch zu vermuten war. Dabei wirkt die Handlungsentwicklungen nie konstruiert oder gestellt, sondern bleibt über die gesamte Spielzeit so authentisch wie lebendig. Was die Figuren, zum Beispiel über Namensgebung, Rollenspiel und politische Ausrichtung sagen, hat einen einerseits höchst unterhaltsamen, andererseits aber auch nachdenklichen Charakter. Die Intensität steigt, sobald die Gespräche der unkonventionellen Figuren zu persönlichen Problemen wechseln und alte Rechnungen auf den Tisch gepackt werden.
Geschickt baut Regisseur Delaporte immer wieder Momente ein, in denen der Zuschauer das Gefühl bekommt, über den Fortgang der Geschichte Bescheid zu wissen, weil der Plot scheinbar klischeehaft wird. Dann aber reißt der französische Filmemacher das Ruder geschickt um, schickt den Zuschauer auf falscher Fährte ins Leere und überrascht aufs Neue. Am Ende des Abends sind die Masken gefallen und einiges - innerlich, wie äußerlich – wird zu Bruch gegangen sein, auch wenn die Figuren sich nie in blanke Wut hineingesteigert haben. Eines aber haben Delaporte und sein Team dabei nie vergessen: Zu amüsieren. In dieser frischen und unorthodoxen humoristischen Ebene lebt "Der Vorname" gehobenes europäisches Kino und verwandelt sich dadurch zu einem sehr zu empfehlenden Film.

Fazit: Was Vornamen alles auslösen können: Das französischer Kammerspiel "Der Vorname" besticht durch ein fabelhaftes Schauspielerensemble und die schier endlose Flut an Katastrophen, die an einem Abend über die fünf Freunde hereinbrechen. Europäisches Kino der gehobenen Klasse!




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