VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Samsara - Filmplakat
Samsara - Filmplakat
© Senator Film © Busch Media Group GmbH & Co KG

Kritik: Samsara (2011)


Ganze fünf Jahre lang war er unterwegs gewesen – Regisseur Ron Fricke – bewaffnet mit einer speziellen Kamera, ausschließlich auf 70 mm Material – mit der Fähigkeit außergewöhnliche Motion-Control-Zeitraffer Bilder zu erzeugen, die er in 25 Ländern aufnahm. Der erst zweite Film des Kameramanns und Dokumentarfilmers versucht sich an einem außergewöhnlichen Projekt, welches durch seine sonderbare Darstellungsform für auseinanderdriftende Meinungen im Publikum führen wird. Der 100 minütige Film ist Bilderpracht in seiner Ur- und Reinform – eine Aneinanderreihung von Aufnahmen, die ohne Kommentar, ohne Dialog, ohne Schriftzug oder Information auf den Zuschauer einprasseln. Einige mögen da im schlichten Homer-Simpson-Modus "Langweilig!" schreien – andere erkennen in den Aufnahmen des alltäglichen Zyklus des Lebens eine tiefere und außergewöhnliche Sichtweise, die sich von herkömmlichen Dokumentation durch ihre spezielle Form unterscheidet. "Samsara" gestaltet sich somit als extremes Werk, da der Film einerseits unglaubliche Bilder im Zeitraffer erzeugt, Kontraste abbildet, das Verhältnis von Natur und Mensch kritisch auf den Punkt bringt und gleichzeitig durch seine Langatmigkeit und seinen teilweise nicht erkennbaren Zusammenhang nicht die Wirkung erzeugt, die von einem so monströsen Projekt zu erwarten war. Neben einigen ausgekauten dokumentarischen Klischees hat der Film einen sehr großen gesellschaftskritische Anteil und schrammt dabei nur knapp an einer zu einseitigen Sicht vorbei. Nach dem Motto – friedliche Mönche in der Natur = gut / anonyme Massenarbeiter = schlecht – fehlt dem Bilderzyklus an manchen Stellen die Ausgeglichenheit – ganz zu schweigen, dass der Film sehr laute Schnarcher hervorrufen kann. Daher sollte man sich vor dem Lösen einer Kinokarte verdeutlichen, was einen erwartet - ansonsten kann der Abend schwer in die Hose gehen.

Nach einem vergleichsweise zähen Beginn, der sich vor allem dem Zyklus des Lebens widmet - Geburt, Tod, Religion und Kultur - erzeugt der Film besonders in der Mitte einen ungemeinen Sog, der auch endlich eine tiefgründige Intention erkennen lässt.
Das besondere schöne an "Samsara:" Der Zuschauer erhält lediglich rohe Masse an Bildermaterial, welche er für sich selbst interpretieren muss. Jeder Besucher kann somit seinen ganz persönlichen Wert aus dem Film ziehen – ob im Zyklus des Geschehen, in den tollen Bildern oder der gesellschaftskritischen Auseinandersetzung. Dabei hat der Film seine größten Momente in den grandiosen Aufnahmen nächtlicher Metropolen, die aus der Vogelperspektive und in Zeitraffer gezeigt werden. So wirken die Aufnahmen wie Bilder eines Mikrokosmos' von menschlichen Ameisen, die ihren Weg suchen und dabei Aufschluss über die Natur und ihren Aufbau geben.
Immer bemerkbar sind die starken Kontraste zwischen Tradition und Moderne, zwischen Natur und Mensch, die durch Frickes geschickt ausgewählte Bilder besonders in den Vordergrund gerückt werden. Aber nicht nur die Bilder erzielen starke Gegensätzlichkeiten, auch der Inszenierungsstil fügt sich dieser Prämisse. So pendelt der Film immer wieder zwischen Szenen, die im Zeitraffer große Massen an Menschen zeigen und Szenen, die einem Innehalten des Regisseurs gleichkommen - etwa, wenn er Einzelschicksale sekundenlang filmt und dabei einzig ihre Blicke einfängt. Diese wiederkehrenden Gegensätze zwischen groß und klein, schnell und langsam, viel und wenig verleihen "Samsara" neben der gesellschaftskritischen Komponente eine zyklische Ader.

Besonders prägnant sind jene Bilder, die die freie Natur in Kontrast zur von Menschen symmetrisch erschaffenen Welt setzen. So zeigt Ron Fricke zum Beispiel erst eine große Zahl an großen und kleinen Inseln, die in einer nicht erkennbaren Ordnung aus dem Meer ragen. Dagegen stellt er die im Stil von Ludwig dem 14., dem selbsternannten Sonnenkönig Frankreichs, symmetrisch aufgebauten Ferien- und Wohnanlagen, welche die Vergewaltigungsorgie der Menschen an der Natur genauestens und auf bizarre Weise dokumentieren. Ob Kühe, die in einem ausgeklügelten und kalkulierten Tötungssystem ausgenommen werden oder Hühner und Gänse, die maschinell und ohne Gewissensbisse zu Nahrung verarbeitet werden: An diesen Stellen nimmt Frickes Film eindeutige gesellschaftskritische Positionen an. Die Themen, die er ansteuert – zum Bespiel Überkonsum, Fettleibigkeit, Armut, Reichtum und Umweltverschmutzung – sind keine Themen, die der Regisseure neu erfunden hat: Durch seine spezielle Perspektive und seine gekonnt bizarre Herangehensweise aber erfreut "Samsara" den Zuschauer mit neuem Betrachtungswinkel und klaren Konturen, die das bizarre Leben in der westlich industriellen Welt zeigen.
Dass dagegen der buddhistische Mönch als Heilsbringer schlechthin gezeigt wird, schwächt den Film, der an dieser Stelle zu klar Position bezieht und die Szene mit einem sehr aufdringlichen und pathetischen Soundtrack übermalt, der den wohl störendsten Teil des Films ausmacht. Zwar beeindrucken die Aufnahmen durch ihre Vielfältigkeit und Sichtweise – führen aber gleichzeitig zu einer Reizüberflutung, die bei 100 Minuten Spiellaufzeit zum visuellen Over-Kill führen und dabei das Geschehen sehr langatmig machen.

Fazit: Eindrucksvolle Bilder, gänzlich ohne Dialog. Berauschende Aufnahmen im Zeitraffer ohne eine Information für den Zuschauer. "Samsara" ist eine Dokumentation der Extreme, die dadurch auch extreme Reaktionen auslösen wird.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.