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Continuity
Continuity
© Filmgalerie 451

Kritik: Continuity (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Continuity" ist die Langfassung eines 42-minütigen Kurzfilms gleichen Namens, der 2012 auf der dOCUMENTA 13 uraufgeführt wurde. Der israelische Regisseur Omer Fast, der beide Werke inszenierte, sieht den nun in die Kinos kommenden Spielfilm ebenso als Remake wie auch als Fortsetzung. "Continuity" erlebte seine Premiere in diesem Jahr auf der Berlinale in der Sektion "Forum Expanded". Es war nicht der einzige Film des 44-jährigen Regisseurs, der beim Berliner Filmfest 2016 zu sehen war. Auch sein kurz vor "Continuity" fertig gestellter Film "Remainder", lief auf der Berlinale. Eigentlich ist Fast, der Englisch und Visual Arts studierte, in der Kunst zu Hause. Bis heute wirkte er an mehr als 150 internationalen Ausstellungen mit, u.a. an renommierten Häusern wie dem Guggenheim-Museum in New York und dem Centre Pompidou in Paris.

Zu Beginn ist in dieser experimentellen Mischung aus surrealer Mystery, Psycho-Thriller und (Familien-) Drama alles noch einigermaßen klar und nachvollziehbar: da ist ein wohlhabendes Ehepaar, das in einem großen, luxuriös anmutenden Haus in einer deutschen Kleinstadt wohnt, ein üppiger Swimming-Pool im Haus inbegriffen. Ein kurzer Prolog zu Beginn über im Krieg ums Leben gekommene junge Männer scheint klar zu machen: einer der jungen Soldaten war der Sohn von Torsten und Katja, zumal dieser demjenigen jungen Mann bis aufs Haar gleicht, der im Wohnzimmer des Ehepaars auf Bildern zu sehen ist. Doch sobald das Paar einen gänzlich anderen Mann vom Bahnhof abholt, diesem aber mit derartiger Nähe, Liebe und Zuneigung begegnet, als wäre es ihr verstorbener Sohn, ändert sich die Stimmung. Irgendetwas Befremdliches, höchst Skurriles geht hier vor sich. Zumal sich das Ritual in den nächsten Tagen wiederholen wird – nur mit stets wechselnden Männern.

Der Film – in dem erst nach gut fünf Minuten das erste Wort fällt – ist immer wieder durchzogen von einer bedrückenden, bedrohlichen Atmosphäre, die stets dann ihren Höhepunkt erreicht, wenn Eltern und Sohn am heimischen Esstisch sitzen oder sich näher kommen. Nicht aber wie sich Eltern und ihre Kinder für gewöhnlich näher kommen, sondern auf eine befremdliche, verstörende Art und Weise. Sinnliche, leidenschaftliche Küsse werden untereinander ausgetauscht, Katja kuschelt sich zu ihren erwachsenen "Söhnen" ins Bett oder einer der jungen Männer spricht in der Küche mit Torsten über sein Geschlechtsteil. In diesen Momenten verschwimmen die Grenzen zwischen Erlaubtem und Verbotenem, zwischen gewöhnlicher Eltern-Sohn-Beziehung und amouröser, knisternder Spannung. Einer erotischen Spannung, wie sie für gewöhnlich ganz sicher nicht zwischen Eltern und ihrem Sohn vorkommt.

Doch vieles ist undurchschaubar und unklar in diesem Film. Mit fortlaufender Spielzeit wird es immer schwerer, zwischen Wirklichkeit bzw. Realität und Traum bzw. Fiktion zu unterscheiden. Hinzu kommt, dass Vergangenheit und Gegenwart zunehmend miteinander verwoben werden (Höhepunkt ist eine visuell betörend umgesetzte, kunstvoll montierte Sequenz im Wohnzimmer) und ein befremdlicher Nebenplot hinzukommt. Bei diesem fragt man sich, in welcher Beziehung er zur Haupthandlung steht. Wer seine Freude an verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten, offenen Fragen und ausbleibenden Antworten hat und zudem mit den surrealen, psychologischen Werken eines David Lynch etwas anfangen kann, der ist bei "Continuity" gut aufgehoben.

Fazit: Zum Teil zutiefst verstörende, beklemmende aber auch höchst artifizielle Mischung aus Psycho-Thriller, Mystery, Surrealem und Drama. Der Film macht auf eindrucksvolle Art und Weise klar, was im deutschen Kunst- und Experimentalkino alles möglich ist.





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