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Narziss und Goldmund
Narziss und Goldmund
© Sony Pictures

Kritik: Narziss und Goldmund (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Hermann Hesses 1930 veröffentlichte Erzählung "Narziss und Goldmund" begeisterte Generationen junger Leser und Leserinnen, besonders auch in den jugendbewegten 1960er und 1970er Jahren. Nun hat der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky ("Die Fälscher"), der zusammen mit seinem Co-Autor Robert Gold auch das Drehbuch schrieb, die im Mittelalter spielende Geschichte über zwei gegensätzliche Freunde verfilmt. Man durfte gespannt sein, ob er der schwierigen Vorlage, in der die beiden Hauptcharaktere idealtypisch die geistige und die sinnliche Erfahrung des Lebens verkörpern, eine zeitgemäße, das Schwülstige umschiffende Interpretation zu geben vermag.

Es gelingt dem Film, die Freundschaft von Narziss und Goldmund glaubhaft und reizvoll wirken zu lassen. Schon am Anfang, als sich die beiden Kinder in der Klosterschule kennenlernen, schafft es Ruzowitzky mit wenigen, prägnanten Szenen, das starke Band zu zeigen, das sich zwischen ihnen entwickelt. Die beiden Kinderdarsteller spielen einfach hervorragend. Auch Sabin Tambrea als erwachsener Narziss, Jannis Niewöhner als erwachsener Goldmund können überzeugen. Tambrea nimmt man den völlig der Religion, der Reinheit und Erhabenheit des Glaubens zugewandten Narziss ohne weiteres ab, denn er wirkt dabei so unschuldig wie leidenschaftlich. Niewöhner macht sich gut als Liebling der Frauen, der so leicht zu begeistern ist, so sehr für die Liebe entbrennt und doch immer auf der Suche bleibt.

Starke Momente entstehen, wenn Narziss ein-zweimal spürt, dass er Gott mit dem Empfinden irdischer Liebe für Goldmund untreu werden könnte. Doch Ruzowitzky hält sich beim Thema Homosexualität dann doch stark zurück. Die vielen Rückblenden, die Goldmunds Reisen gelten, entwickeln wenig Spannung. Goldmund hätte ruhig noch unsteter, Narziss noch vergeistigter sein können. Mit den vielen namhaften Darstellern und auch mit der reichen Ausstattung vermag der Film ansprechend zu unterhalten. Mit einem aufgewerteten Frauenbild, das ganz zeitgemäß der besonders die Frauen diskriminierenden Körperfeindlichkeit der Kirche entgegengehalten wird, wirkt er sogar ein wenig modern. Aber er verliert unterwegs an Schwung und achtet zu wenig darauf, wozu er diese ganze Handlung erzählt.

Fazit: Stefan Ruzowitzkys Verfilmung der klassischen Erzählung von Hermann Hesse über die gegensätzlichen Wege zweier Freunde, die in einem mittelalterlichen Kloster aufgewachsen sind, widmet sich der Vorlage aus einer frischen, unverkitschten Perspektive. Dafür sorgen die glaubhaft gezeichneten Hauptcharaktere, die sowohl von den beiden Kinderdarstellern, als auch von Sabin Tambrea und Jannis Niewöhner in den Erwachsenenrollen überzeugend gespielt werden. Auch die vielen namhaften Darsteller in den Nebenrollen sowie das Gespür für die historische Epoche sorgen für einen gelungenen, ansprechenden Unterhaltungsfilm. Dennoch lässt der Film im Verlauf der Handlung eine klare eigene Linie, einen aufregenden oder bewegenden Ausdruckswillen vermissen.




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