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Großstadtklein
Großstadtklein
© Warner Bros.

Kritik: Großstadtklein (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Nachdem sich Til Schweiger in den letzten Jahren mit diversen Kassenschlagern zum erfolgreichsten Filmemacher Deutschlands aufgeschwungen hat, scheint er nun auch ein Auge auf den Nachwuchs zu richten. Das legt zumindest sein neustes Projekt, die turbulente Komödie "Großstadtklein", nahe. Denn obwohl Schweiger als Produzent in Erscheinung tritt, sitzt auf dem Regiestuhl ein für die breite Öffentlichkeit bislang Unbekannter: Tobias Wiemann, der seit 2008 in unterschiedlichen Funktionen für die Produktionsfirma seines Mentors tätig ist. Von ihm stammt auch das Drehbuch zum Film, der mit einer Reihe gut aufgelegter Schauspieler aufwarten kann, insgesamt recht kurzweilig daherkommt, letztlich aber nur bedingt zu überzeugen weiß.

Schwungvoll und zielstrebig führt Wiemann in das Mecklenburgische Landleben und die konfliktive Ausgangsituation ein. Schon nach wenigen Bildern wird deutlich, dass der Wunsch des Opas in Oles Augen einem Kulturschock gleichkommt. Er, der unerfahrene Junge vom Land soll in die Großstadt Berlin, noch dazu bei einem Cousin wohnen, den er fast gar nicht kennt. Unterstrichen wird der hier beschworene und im Kino oft ausgehandelte Gegensatz von Stadt und Land durch die Haltung seiner Freunde Ronny und Marcel. Die beiden können zum einen nicht verstehen, warum Ole sie einfach sitzen lässt, machen sich andererseits aber auch große Sorgen, da ihren Kumpel in Berlin – so glauben sie – an jeder Ecke das Verbrechen erwartet. Mag diese überspitzte Sichtweise anfangs noch amüsant erscheinen, entwickelt sich das Schwarz-Weiß-Denken hinsichtlich der Unterschiede von Stadt und Land schnell zu einem eher störenden Leitmotiv. Auch Oles mehrfach zu Tage tretende Naivität angesichts großstädtischer Umgangsweisen ist, vor allem zu Beginn, etwas sehr überzeichnet.

Umso positiver gestaltet sich die mit der Stadt-Land-Thematik verbundene Liebesgeschichte zwischen dem jungen Mann und Fritzi. Als Zuschauer kann man Oles Verunsicherung nachempfinden, der Fritzis Annäherungsversuche und ihr gleichzeitiges Streben nach Ungebundenheit lange Zeit nicht richtig einzuordnen weiß. Wirkt es zunächst so, als bereite es ihr Freude, mit den Gefühlen anderer Menschen zu spielen, erkennt Ole irgendwann, dass auch Fritzi zutiefst verwirrt ist. Auch wenn die später offenbarten Beweggründe für ihr sprunghaftes Verhalten recht konventionell ausfallen, kann Jytte-Merle Böhrnsen ihrer Figur durch eine temperamentvolle und mitreißende Darstellung ausreichend Profil verleihen.

Die stärkste und mit Abstand komischste Darbietung liefert allerdings Tobias Moretti, durch dessen unkonventionelles Auftreten der etwas behäbig anlaufende Strang rund um die Beilegung der Familienstreitigkeiten die nötige Dynamik erhält. Präsentiert sich Manni anfangs als betont hartgesottener Mann, der sich über den Sport definiert und nicht an einer Aussöhnung mit Heinz interessiert ist, zeigt sich doch sehr schnell, dass auch ihn die ungeklärte Situation belastet. Zwar dauert es eine ganze Weile, bis Manni sich wirklich zu einer Annäherung an seinen Bruder durchringen kann. Als die lang ersehnte Konfrontation endlich zustande kommt, gerät sie indes erfreulich humorvoll.

Zum großen Wurf reicht das alles jedoch nicht. Wiemann hätte gut daran getan, einen erzählerischen Fokus zu setzen. Liebeskomödie, Familiengeschichte und Stadt-Land-Clash überschneiden sich immer wieder, finden aber nicht wirklich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Es scheint, als habe der junge Filmemacher in seinem Eifer zu viel auf einmal gewollt. Das unterstreicht nicht zuletzt der überflüssige Nebenstrang, der sich mit Oles Praktikumsstelle und den dortigen Schwierigkeiten befasst. Er bietet keine spannenden Einsichten zur eigentlichen Geschichte und wirkt in seiner Verknappung allzu aufgesetzt und bemüht komisch.

Fazit: Erzählerisch überfrachtet und in seiner Figurenzeichnung zumeist recht klischeehaft, hinterlässt "Großstadtklein", trotz schwungvoller Inszenierung und größtenteils überzeugender Darstellerleistungen, einen eher zwiespältigen Eindruck.





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