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Kritik: Banklady (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Christian Alvarts "Banklady" ist ein ungewöhnlicher Spielfilm: Er erzählt die wahre Geschichte der ersten Bankräuberin in Deutschland, Gisela Werler, die in den Jahren 1965 bis 1967 Geldinstitute in Norddeutschland überfiel. Mit ihren Komplizen erbeutete sie dabei über 400.000 Mark. Sie wurde zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt, ihr Komplize Hermann Wittorff, der sie vor Gericht entlastete und sich als treibende Kraft ausgab, bekam vier Jahre mehr. Die beiden heirateten noch im Gefängnis und blieben bis an ihr Lebensende zusammen. Aus diesem Stoff macht Alvart eine an "Bonnie und Clyde" angelehnte Gangstergeschichte. Und dieses mutige Experiment eines Genrefilms, der in den bundesrepublikanischen Mief der Vor-68er-Zeit eingebettet ist, funktioniert tatsächlich.

Alvart selbst sieht als Motiv für Gisela Werlers Bankräuberkarriere ihre Sehnsucht nach Freiheit. Nicht nur ihr kleinbürgerliches Milieu, die ganze Gesellschaft ist erschreckend frauenfeindlich. Niemand traut Gisela auch nur das Geringste zu: die verbitterten Eltern nicht, die sie unterstützen muss, Peter nicht, der ihre aufmüpfigen Wünsche zunächst nur belustigt registriert, Hauptkommissar Kaminski (Heinz Hoenig) erst recht nicht. Eine Frau, die eine Bank überfällt? Für den Ermittler alter Schule muss es sich um eine Prostituierte handeln, auf keinen Fall aber um eine Person mit Grips. Und auch in der Bank betrachten die Männer hinter dem Schalter die Räuberin mit dem Kopftuch zunächst nur als arme Spinnerin. Diese brenzlige Situation, in der man mit Gisela mitfiebert, ist nur eine von vielen, die sehr aufregend inszeniert werden. Alvart führt einen auch schon mal genüsslich hinters Licht: Vorhersehbar ist hier im Einzelnen nichts.

Der junge Kommissar Fischer, der bei Scotland Yard ausgebildet wurde, ist eine für den Film erfundene Person. Alvart verstrickt ihn in einen verbissenen Machtkampf mit Gisela, die ihn persönlich herausfordert, indem sie sogar in sein Büro eindringt. Ken Duken, Heinz Hoenig und Charly Hübner spielen die kräftig konturierten Männercharaktere beeindruckend. Und doch ist "Banklady" in erster Linie ein Film über eine starke Frau. Gisela verkleidet sich für ihre Überfälle betont modisch. Sie definiert sich zum Gegenteil dessen, was sie im Alltag sein muss. An Peter beißt sie sich mit ihrer romantischen Anhänglichkeit fast die Zähne aus und pfeift in den Momenten des größten Liebeskummers auf jegliche Vernunft. Gisela wird zum Vulkan, der viele Ausbrüche braucht, um Peters Frauenbild zu revidieren. Das Glück in der Liebe hat sie sich jedenfalls holen können, und so gesehen bekommt dieser Gangsterfilm auch noch ein richtiges Happy End. Wirklich unerhört ist das, und dabei auch noch wahr und sehr unterhaltsam.

Fazit: Christian Alvarts ungewöhnlicher und gelungener Gangsterfilm basiert auf der wahren Geschichte der ersten Bankräuberin Deutschlands. Er verbindet genretypische Spannung mit Romantik und einem realitätsnahen Sittenbild der repressiven Jahre vor 1968.




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