VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Roman Polanski: A Film Memoir
Roman Polanski: A Film Memoir
© Lucky Red Distribuzione

Kritik: Roman Polanski: A Film Memoir (2012)


Als François Truffaut den britischen Regisseur Alfred Hitchcock über seine bis dahin weit über 50 Filme ausfragte, war noch nicht abzusehen, dass das Interview-Buch "Mr. Hitchcock! Wie haben sie das gemacht?" für die filmwissenschaftliche Fachwelt ein unumstößliches Werk werden sollte. Der Zuschauer konnte das erste Mal hinter die Maske des Genie-Regisseurs blicken und Verständnis für die Inhalte der Suspense-Filme erlangen. Oder waren Leser, wie der Autor Truffaut selbstm wieder nur einem verschlossenen Geist auf den Leim gegangen? In Hitchcocks Biographie von Donald Spoto "Die dunkle Seite des Genies" wurde der Eindruck erweckt, dass Hitchcock das Interview mit Truffaut wie einen Film inszenierte, steuerte und persönlichen Fragen auswich.
Gleiches könnte der Zuschauer im Jahre 2012 auch von der Interview-Dokumentation "Roman Polanski: A Film Memoir" erwarten, da nicht nur die Vorzeichen die gleichen sind – wieder interviewt ein Freund und Bekannter des Regisseurs den Filmemacher – sondern weil die Biographie hinter Polanskis Filmographie noch ein Stück weit brisanter ist, als es Hitchcocks verschleierte Vergangenheit war. Noch zu hell sind die Erinnerungen an Polanskis Festnahme in der Schweiz wegen einer 33 Jahre zurückliegenden Vergewaltigung in Amerika.
Doch die dunklen Vorahnungen bestätigen sich nicht: Die Verbindung zwischen Truffaut/Hitchcock und Bouzereau/Polanski sind vorhanden und "A Film Memoir" wirkt oft wie eine visualisierte Form des berühmten Interview-Bands von 1966. Doch Polanski gibt sich weder als verschlossenes Genie, noch als Selbstinszenierer, noch als eine Person, die sich von ihrer Schuld reinwaschen will. Polanski weicht keiner Frage aus, ist offen, ehrlich und selbstkritisch.

Regisseur und Interview-Führer Bouzereau tut von Beginn an gut daran, dass er die Dokumentation als Zufallsprojekt ohne klare Vorgabe betitelt und damit gleichsam unterstreicht, dass in dieser sehr persönlichen Dokumentation keine Stilisierung oder Statement-Hascherei stattfinden soll. Lediglich der Drang die bewegte Biographie eines hochbegabten Regisseurs zu ehren, bildet die Motivation des langjährigen Freundes, die man im Verlauf des Films nicht nur nachvollziehen kann, sondern von der man auch, trotz aller Skepsis, überzeugt wird. Denn Polanski wirkt motiviert über sein Leben Auskunft zu geben; sichtlich gerührt, wenn er über die schlimmen Tage im zweiten Weltkrieg berichtet und spielt mit nicht zu erwartenden offenen Karten, wenn er über die Anklage in den 70-er Jahren spricht. Denn gerade bei einem so brisanten Thema, welches in den Medien immer wieder hochgekocht wurde, könnte man nachvollziehen, wenn der Betroffene vor laufender Kamera keine ausführliche Berichterstattung vornehmen will. Diskret, nicht reißerisch, aber deutlich, wird aber auch dieses Thema angesprochen und ehrlich und offen, ohne den Versuch einer Rechtfertigung, von Polanski beantwortet. Polanski wirkt reumütig ohne sich zum Opfer zu stilisieren. Und das ist bei all den Tiraden, die man aus der Presse gehört hat, eine wichtige, wie unerwartete Botschaft.

Während der Film einen sehr guten Balance zwischen Biographie und Filmographie findet, ist es die Verbindung der beiden Elemente, die besonders beim Bildmaterial viel Freude bereitet. So blendet Bouzereau immer wieder passende Szenen aus Polanskis Werken ein, wenn dieser Anekdoten aus dem Nähkästchen erzählt: Ob dramatische Erlebnisse im Warschauer Ghetto oder heitere Momente in den Jahren nach dem Krieg. Der Zuschauer wird dadurch Zeuge, wie sehr Polanski seine Biographie, seine Erlebnisse auch in seinen Filmen einbrachte, um diese schrecklichen Momente filmisch zu verarbeiten.
Generell sind die Bilder sehr gut gewählt und der Wechsel zwischen Interview und Einspielern ist stimmig. Einzig einige wenige überschwängliche Überblenden, die unnötige Überdramatisierung und Pathos in die Bilder zaubern, schmälern die Klasse der Dokumentation, da der Film auf solche aufgesetzten Emotionen nicht angewiesen wäre: Wenn Polanski den Tränen nahe ist, wenn er vom Tod seiner Mutter in einem Konzentrationslager spricht, braucht der Zuschauer keine melodramatische Musik im Hintergrund, sondern kann die Gefühle und den Aufruhr im Regisseur auch so verstehen. Dass Polanski am Ende ein wenig reumütig die Frage stellt, ob bei den vielen Auf- und Abs, die sein Leben gelenkt hat, der freie Wille überhaupt existiere, könnte von einigen als Rechtfertigungsversuch abgestempelt werden – wirkt aber in der Konstellation und im Blick aufs Ganze nach einer ehrlichen und nachdenklichen Frage.

Fazit: Kein Selbstinszenierer, kein Strippenzieher Polanski: Die sehr subtile Dokumentation über Werke und Biographie des Regisseurs ist geprägt von ehrlichen Emotionen, die beim Zuschauer ganz ohne Pathos und Überdramatisierung wirken. Eine spannende Biographie, fabelhaft inszeniert und eingefangen. Für Fans ein Muss!




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.