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Der Unsichtbare
Der Unsichtbare
© Universal Pictures International

Kritik: Der Unsichtbare (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das traditionsreiche Horrorfilmgenre ist, seit immer weniger Menschen an überirdische Erscheinungen glauben, auf der Suche nach frischer Inspiration. Welche unerklärlichen, unheimlichen Phänomene lassen sich überhaupt noch für das Kinopublikum glaubhaft an die Wand malen? Eine raffinierte Antwort fand "A Quiet Place" aus dem Jahr 2018. Dort ist die Invasion mörderischer Aliens einfach gegeben, das wirklich Aufregende liefert die filmische Idee, dass die Menschen nur in völliger Stille vor den tödlichen Attacken sicher sind. Eine ähnliche Verschiebung des Zuschauerinteresses vom Anzweifeln des Unwahrscheinlichen auf ein als ansteckend real empfundenes Versteckspiel findet in "Der Unsichtbare" statt.

Regisseur und Drehbuchautor Leigh Whannell ("Insidious: Chapter 3 – Jede Geschichte hat einen Anfang") präsentiert eine Neuinterpretation des gleichnamigen Horrorfilmklassikers aus dem Jahr 1933. Die Titelfigur, erfunden vom Schriftsteller H.G. Wells, gehört zu dem alten filmischen Monsterschatz, den man bei Universal neu heben will. Bei Whannell verleiht die Geschichte einer Frau, die sich vor dem gewalttätigen Ex-Freund versteckt, dem alten Stoff eine Relevanz, die alles andere als angestaubt wirkt.

Schon zu Anfang des Films, als der böse Adrian im Bett liegt und schläft, greift Cecilias Angst vor ihm nach den Zuschauern. Jeder Schritt, der die Frau noch vom Ausgang trennt, könnte einer zu viel sein. Die Villa mit den Videokameras ist eine vom Allmachtsanspruch seines Besitzers erfüllte, kalte Festung. Auch in der Wohnung ihres alten Freundes James verharrt Cecilia in Anspannung, wartet förmlich auf Adrians Erscheinen. Elisabeth Moss spielt diese terrorisierte Frau in ihrer tiefen Verunsicherung hervorragend.

Systematisch wird Cecilia erneut in die Isolation und die Ausweglosigkeit getrieben. Mit ihr rätseln auch die Zuschauer eine Weile, wie es Adrian schaffen könnte, physisch präsent und unsichtbar zu sein. Die Übermacht des Bösen fühlt sich über weite Strecken erdrückend an und die markante Filmmusik von Benjamin Wallfisch verfolgt einen noch im Abspann mit eintönig wummerndem Grauen. Die visuellen Effekte wirken frisch und aufregend. Leider schraubt sich der Film allzu lange weiter ins finstere Geschehen hinein. Während ein gewisser Erschöpfungseffekt eintritt, sollte man unbedingt vermeiden, über Logik und Wahrscheinlichkeit zu grübeln.

Fazit: Unter der Regie von Leigh Whannell entwickelt dieser auf dem gleichnamigen Klassiker von 1933 basierende Horrorfilm fesselnde Spannung. Im Mittelpunkt steht diesmal nicht der diabolische Titelcharakter, sondern eine junge Frau, die sich seinem Terror durch Flucht aus dem gemeinsam bewohnten Haus entzieht. Als es heißt, ihr Ex-Partner habe sich umgebracht, glaubt sie trotzdem, dass er sich in unmittelbarer Nähe aufhält. Die originelle Neuinterpretation mit der großartigen Elisabeth Moss in der Hauptrolle wirkt wegen des Stalking-Themas zeitlos aktuell und erzeugt eine lähmende Atmosphäre der Angst.




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