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Im weißen Rössl - Wehe Du singst!
Im weißen Rössl - Wehe Du singst!
© Senator Film

Kritik: Im Weißen Rössl - Wehe Du singst! (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die "Im Weißen Rössl"-Filme und Bühnenstücke mit ihrer rund 100-jährigen Geschichte drehen sich um einen Evergreen: die romantische Liebe in der Sommerfrische auf dem Land. Die Operette mit ihren unsterblichen Liedern wie "Im Weißen Rössl am Wolfgangsee" von Ralph Benatzky aus dem Jahr 1930 basiert auf einem noch älteren Berliner Lustspiel. Beliebte Kinoverfilmungen gab es 1952 mit Johannes Heesters und 1960 mit Peter Alexander. Die Bedenken, ob dieser schnulzige Stoff nun erneut aus der Vitrine geholt werden sollte, greift der aktuelle Film von Regisseur Christian Theede folgerichtig schon in seinem Untertitel "Wehe, du singst!" auf.

Die schmissige Neuinterpretation bahnt sich einen trittsicheren Pfad zwischen Kitsch und Parodie. Für die Heimatfilm- und Postkartenidylle am Wolfgangsee findet sie zahllose witzige Brechungen. Diese Demontage durch den Zeitgeist auch in Gestalt der Großstädterin Ottilie aber ermöglicht es, den alten Stoff gründlich im Hinblick auf noch Brauchbares zu untersuchen. Wenn Ottilie dem auf den ersten Blick in sie verliebten Otto Siedler entgegenschleudert, "Du bist doch nicht ganz echt!", schwingt im Spott bereits ein zaghaft fragendes Oder mit. Mit ihr kann der Zuschauer spielerisch ausprobieren, wie sich der Kitschaspekt im Abendrot, im rustikalen Weißen Rössl – mit poppiger lila Fassade – , oder in der Heile-Welt-Stimmung der Gäste neutralisieren lässt.

Der Dialogwitz, die visuelle Gestaltung und die Gesangs- und Tanznummern experimentieren alle mit der Gegenwartstauglichkeit des romantischen Stoffs. Es gelingt der mutigen und ideenreichen Inszenierung, Brücken zu schlagen zwischen Alt und Neu und dabei zu offenbaren, wie zeitlos diese Operette – oder das Musical – in der Tat ist. Wenn sich zum Beispiel Vögel im Flug computergeneriert zu einem Herz formieren oder eine trachtenfreie Tanzgruppe aus dem Nichts auftaucht, um Otto Siedlers Gesang zu begleiten, wird dem naiven Genuss augenzwinkernd der rote Teppich ausgerollt. In typischer Musicalmanier verspürt man die erhöhte Bereitschaft, durchs Leben zu tanzen, wie die Protagonisten auf ihrer Freilichtbühne. Manche Lieder klingen sehr modern arrangiert, andere eher traditionell. Das Design stellt Kuckucksuhren und Schuhplattler-Tanz übermütige Fantasyeinlagen und Party-Events gegenüber.

Das gesamte Darstellerensemble, besonders Fritz Karl als Kellner und gute Seele der Handlung, stellt sich in den Dienst dieser eigentümlich selbstironischen und ausgelassenen Stimmung. Es bereitet viel Vergnügen, die unzähligen gelungenen Details des Films einzeln und in ihrem Zusammenspiel auszukosten.

Fazit: Aus der Klamottenkiste gezogen und fröhlich neu gestylt, präsentiert sich die romantische Musikkomödie "Im Weißen Rössl" als richtiges Schmuckstück.





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