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Pieta
Pieta
© MFA+ FilmDistribution e.K.

Kritik: Pieta (2012)


"Hast du schon mal Cheonggecheor von oben gesehen", wird Lee Kang-do von seinem Opfer gefragt. Gemeinsam erklimmen sie das Dach eines Gebäudes, eine surreale Situation, wenn Peiniger und Schuldner den Ausblick auf den ehemals wirtschaftsstarken Stadtteil von Seoul genießen. Als Motor der Industrialisierung galten einst die mittelständischen Metallwerkstätten, die nun im Zuge der Immobilienspekulation durch neue, immer größere Hochhäuser ersetzt werden.

Das Panorama der zerstörten Metropole, welches Regisseur Kim Ki-duk seinen Zuschauern präsentiert, strotzt vor bissiger Gesellschaftskritik, beschreit förmlich die Ungerechtigkeit, das Elend und die Brutalität, die zwischen den immer enger werdenden Gassen herrschen. Doch Ki-duks Blick ist nie spekulativ, nie romantisierend, nie populistisch. Es ist eine heimliche Anklage des rapiden Modernisierungsprozess inmitten alter Traditionen.
"Pieta", so der Titel des bereits mit unzähligen Preisen ausgezeichneten neuen Werks des vielleicht berühmtesten Regisseurs der Halbinsel, versteht sich als experimentierfreudiges Programmkino, welches Gewalt, Korruption, Rache und Verschuldung thematisiert und dabei eine mutige Mischung aus Realismus und religiöser Symbolik zu einem verstörend-bizarren, anspruchsvollen und zugleich höchst außergewöhnlichen Film macht. Mit einer diabolisch originellen Quintessenz.

Lee Kang-do, der Schlächter, den sie alle nur Teufel nennen, hat nicht viel übrig für den Ausblick auf die Stadt, in der er seine Stunden absitzt. Er hat auch nicht viel übrig für den Mann, dessen Schulden er eintreiben soll. Eine Szene, die den Charakter des Films einmal mehr hervorbringt. Der Mann, den Kang-do verkrüppeln soll, um für seinen Arbeitgeber die Versicherungsprämie zu kassieren, hat keine Angst vor dem Tod und Kang-do erkennt: Hier ist die Sache gelaufen. Während der Mann die Stufen nach oben nimmt, geht er selbst die Treppe wieder runter in den koreanischen Slum, beherrscht vom organisierten Verbrechen, gedudelt vom machtlosen Staatsapparat. Die Hölle auf Erden eben. Und Kang-do ist Luzifer.
Kang-dos Gegenüber wirkt über all dem erhaben, erklimmt die Stufen nach oben, "zum Himmel", zur Erlösung. Dann: Ein dumpfer Aufschlag. Ein Bild, das den kalten Realismus, in dem der Film seine Gesellschaftskritik vorträgt ebenso widerspiegelt wie die religiöse Symbolik, die dem Film nicht nur seinen Titel verleiht.

Pieta ist die Barmherzigkeit, das Mitleid, welches der Hauptfigur wie ein Fremdwort vorkommt. Es bezeichnet ebenso ein Bild, eine Skulptur, welche die trauernde Jungfrau Maria mit dem Leichnam Christi zeigt. Es schildert das qualvolle Gefühl von Verlust. Verloren haben die Opfer von Kang-do auf unterschiedliche Weise. Rächen wollen sie sich, wenn sie nur könnten. Doch wie rächt man sich an einer Person, die scheinbar kein Herz hat?
Regisseur Ki-duk erforscht mit drastischen, teils bizarren und höchst grotesken Bildern diese Frage in den Tiefen abwegiger und abseitiger Aspekte zwischenmenschlicher Beziehungen. Kang-do hatte nie eine Mutter, doch dann erhält er eine. Jang Mi-sun. Eine Frau, die behauptet seine Mutter zu sein, verfolgt ihn, bemuttert ihn, lässt ihn nicht mehr los. Diese Art der Fürsorge löst einen Prozess der Läuterung im Inneren des unbarmherzigen Monsters aus. Gewinnt dieser skrupellose Mensch dadurch wirklich ein Herz?
Ki-duk stellt damit auch gleich anschließend die Frage, ob seine Hauptfigur das Böse in seiner Reinkarnation ist oder ob nur seine Umwelt oder die fehlende Mutter ihn zu diesem sadistischen Frauenhasser gemacht hat? Oder, allgemeiner: Was ist die Natur des Menschen?

Fazit: Trotz teils drastischer, bizarrer und grotesker Bilder schafft es Kim Ki-duk seine Zuschauer mit diesem abwegigen Spektakel mitfiebern zu lassen, während er wiederholt die Gewalttätigkeit und Grausamkeit des Menschen schildert und dabei Motive wie Inzest, Sozialkritik und christliche Symbolik unterbringt.




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