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FBW-Bewertung: Beautiful Boy (2018)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Es muss nicht immer Antworten auf alles geben und das gilt auch im Film. Nicht nur deswegen ist Felix van Groeningens BEATIFUL BOY ein in höchstem Maße authentisches Drama.

Der Film erzählt die Geschichte von David und Vicky Sheff. Sie fahren Volvo, haben ein Haus irgendwo in Kalifornien und sind eigentlich ein Traumpaar. Intellektuelle, von denen man annehmen muss, dass sie für ihre Kinder immer nur das Beste wollen. Eines Tages erfahren sie, dass ihr ältester Sohn Nic Drogennimmt. Natürlich machen sie sich Sorgen, doch der Student weiß sie zu beruhigen, zunächst. Eines Tages aber wird deutlich, dass sein Drogenkonsum weitaus schlimmer ist, als sie sich jemals vorstellen konnten. Ein Gespräch mit einem Drogenexperten bringt Vater Dave die harten Fakten näher und spätestens hier erleben die Zuschauer, dass BEAUTIFUL BOY kein weichgespültes Melodram ist. Der Film fokussiert einen Bereich, der selten so stark von anderen, thematisch ähnlich gelagerten Filmen abgedeckt worden ist. Er konzentriert sich auf Nics Familie, auf ihre Ängste und Nöte, auf ihre Hilflosigkeit gegenüber der Sucht und ihre immer verzweifelteren Versuche, Nic zu helfen.

Dabei ist BEAUTIFUL BOY kein zu Tränen rührendes Drama geworden, sondern ein wirklich kraftvoller Film. Regisseur Felix van Groeningen hat dafür die Vater-Sohn-Beziehung in den Vordergrund gestellt. In Rückblicken erfährt der Zuschauer von dem ungewöhnlich offenen Verhältnis der Beiden. Erst als Nic in eine Crystal-Meth-Abhängigkeit rutscht, verändert sich dieses Verhältnis und Vater David muss miterleben, wie sein Sohn ihm immer fremder wird.

BEAUTIFUL BOY ist kein gewöhnlicher, linear strukturierter Erzählfilm. Regisseur Felix van Groeningen setzt auf verschiedene zeitliche Ebenen. In Rückblicken lässt er immer wieder Familiengeschichte in die Handlung einfließen und zwar so perfekt, dass sich die Jury in der Diskussion erstaunt zeigte, wie stark sie in diedas familiäre Setting involviert werden konnte, ohne sich jemals durch Zeitsprünge irritiert zu fühlen. In dieser Perfektion schafft van Groeningens nichtlineare Erzählung so ungeheuer tiefe Eindrücke, dass sich die Jury auf einer beinahe physischen Ebene angesprochen fühlte.

BEAUTIFUL BOY wagt, was viele Filme nicht wagen, in vielerlei Beziehung. Der Film traut sich nicht nur, zeitliche Ebene zu mischen, er traut sich auch, richtig melodramatisch zu sein, er traut sich ebenfalls, Geschichten lange auszuerzählen und er traut sich, Musik und Ton wirklich zu nutzen. Der Titel weist bereits darauf hin, immerhin ist BEAUTIFUL BOY ist ein Wiegenlied aus der Feder John Lennons, Musik spielt dazu eine immens wichtige Rolle im Film. Egal, ob es kraftvoll rockige Klänge sind, oder sanfte, klassische Stücke,in BEAUTIFUL BOY ist Musik omnipräsent, ohne jemals störend zu wirken. Zusammen mit bisweilen hyperästhetischen Bildern übt sie eine unglaubliche Sogkraft aus, setzt gleichzeitig aber immer auch dann, wenn dramaturgisch erforderlich, befreiende Signale ? das ist ganz hohe Kinokunst.

Aber nicht nur in puncto Dramaturgie und Inszenierung lobt die Jury den Film. Auch die Besetzung ist erstklassig. Das Zusammenspiel Steve Carrells als Vater David und Timothèe Chalamet als Nic ist fabelhaft. Besonders der erst 22-jährige Chalamet leistet in der Rolle Nics Erstaunliches. Trotz der hohen Anforderungen an seinen Charakter hat ihn die Jury niemals ?schauspielern? gesehen. Im Gegenteil, seine Darstellung des so ambivalenten Drogencharakters wirkt so natürlich, dass es beinahe den Anschein hat, als sei Chalamet auf der Leinwand ganz einfach er selbst.

BEAUTIFUL BOY ist ein bedeutender Film zu einem zeitlichüberaus relevanten Thema, wirklich cineastisch und klug gemacht und bis zum offenen Ende hervorragend inszeniert und intelligent dramatisiert.




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