VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Frohes Schaffen - Plakat
Frohes Schaffen - Plakat
© W-Film

Kritik: Frohes Schaffen (2012)


Arbeiten ist eines der zentralen Themen unseres Lebens, das den Alltag des modernen Menschen bestimmt. Die meiste Zeit unseres Lebens verbringen wir nicht etwa mit unseren Liebsten oder mit Menschen, die uns wichtig sind. Die meiste Zeit verbringen wir mit Abstand auf der Arbeit, viele Menschen zehn oder mehr Stunden am Tag. Arbeit ist wichtig für uns alle. Für uns selbst, für unsere Vorsorge, für unsere Lieben. Sie bietet Schutz, Selbstbewußtsein und schließlich auch eine Existenzberechtigung. Zudem besitzt Arbeit einen sehr hohen gesellschaftlichen Wert, Arbeitslosigkeit oder ein Leben ohne Arbeit ist für viele Menschen die schlimmstmögliche Vorstellung oder schlicht undenkbar.

Der Filmemacher Konstantin Faigle ("Out of Edeka"), der bekannt ist für seine zynischen Dokumentationen, geht in seinem neuesten Werk der Frage nach, was wir ohne Arbeit tun würden und welchen Sinn diese überhaupt im Leben des Menschen hat. Er stellt die Frage nach ihrem heiligen Mythos, ihrem philosophischen Kern. Damit geht Faigle einer Sache auf den Grund, die viele tagtäglich als selbstverständlich empfinden und nur selten zu hinterfragen wagen. Wie würde unsere Welt und unser tägliches Leben wohl aussehen, wenn die Arbeit nicht mehr im Zentrum unseres Lebensentwurfs stehen würde? Worum würde sich dann unser Leben drehen? Wie würde man überhaupt Geld verdienen? Gäbe es überhaupt noch Geld als Währung? Würden die Wirtschaft und das System dann nicht kollabieren? All diesen (natürlich zumeist äußerst utopischen) Fragen versucht Faigle mit "Frohes Schaffen" auf den Grund zu gehen. Auch wenn seine satirische Doku einige interessante Ansätze und Ideen beinhaltet und durchaus ihre komischen Momente hat, bleibt Faigle viele Antworten auf seine Fragen am Ende schuldig.

Mit einer Mischung aus Expertenbefragungen und inszenierten Spielszenen kreiert Faigle sein dokumentarisches Mosaik, das zum Ziel hat, die gewaltige Arbeitsmoral, die viele Menschen tagtäglich antreibt und manche geradewegs in den nächsten Burnout treibt, zu senken. Und Faigle meint dieses Unterfangen, dieses Ziel seines Films, durchaus ernst, wie er in Interviews in den letzten Wochen und Monaten immer wieder betonte. Dabei gelingen ihm durchaus spannende und intensive Gespräche mit den verschiedensten Experten. So ist es z.B. sehr anregend und aufschlussreich, den Ausführungen einer Evolutionspsychologin zu folgen, die der Meinung ist, dass es in unserer Gesellschaft zu einer "verhängnisvollen Spaltung gekommen" sei. Manche Menschen arbeiten den ganzen Tag und wissen nicht, wohin mit der ganzen Arbeit, andere wiederum arbeiten wenig oder überhaupt nicht. Oder den Aussagen eines berühmten Ökonomen, der daran erinnert, dass wir Menschen doch ursprünglich einmal Jäger und Sammler mit lediglich drei Stunden Arbeitszeit gewesen sind. Die Interviews sind mit Abstand das gelungenste Element dieses Films.

Was man von den Spielszenen weniger behaupten kann. Diese wirken nicht selten aufgesetzt und doch arg übertrieben. Außerdem schneidet Faigle zwischen seine Interviews und die inszenierten Inhalte immer wieder Ausschnitte von Reden berühmter Leute, wie z.B. US-Präsident Barrack Obama. Und auch animierte Szenen baut er mit ein, indem er z.B. Bilder von Bundeskanzlerin Angela Merkel oder dem Hochschullehrer und Ökonom Hans-Werner Sinn mit Blitzen, Donner und unheilvoller Musik unterlegt. Damit zielt Faigle darauf, diese Figuren als böse abzustempeln, was ihm jedoch nicht wirklich gelingen mag. Beim Zuschauer entsteht bei dieser Vorgehensweise eher Mitleid mit den dargestellten Personen. Ein weiteres großes Manko des Films ist, dass Faiglefür seine Hauptthese, dass Arbeit zu unserer neuen Religion geworden sei, Beweise oder Belege schuldig bleibt, geschweige denn, dass er diese Hypothese näher begründet.

Fazit: "Frohes Schaffen" ist eine satirische Dokumentation mit einigen komischen Momenten, die jedoch viele Antworten schuldig bleibt und letztlich leider auch keine Beweise und Belege für die Hauptthese liefert.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.