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Blancanieves
Blancanieves
© Cohen Media Group

Kritik: Blancanieves - Ein Märchen von Schwarz und Weiß (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein Jahr nach dem französischen Film "The Artist" (2011) erscheint mit dem spanischen "Blancanieves" (2012) erneut ein europäischer Stummfilm, der sich an ein großes Publikum wendet. "Blancanieves" gewann in seiner Heimat unter anderen zehn Goyas, darunter die Auszeichnung für den besten Film. Hinter diesem Erfolg steckt keineswegs das Kalkül eines gewitzten Machers, der kurzerhand auf einen neuen Trend aufgesprungen ist. Tatsächlich hat Pablo Berger, der Regisseur von "Blacanieves", fast zehn Jahre für die Realisation seines Projektes gekämpft, da er lange keinen Geldgeber für seine ungewöhnliche Idee eines Stummfilms in Schwarzweiß gewinnen konnte...

"Blancanieves" ist ein wunderschöner zugleich nostalgischer, wie moderner Märchenfilm geworden, der seine zahlreiche diesjährige Schneewittchen-Konkurrenz aus Übersee schnell auf die hinteren Plätze verweist. Auf den ersten Blick handelt es sich schlicht um eine Reaktivierung des europäischen Stummfilms aus den goldenen 20er-Jahren. Der Film ist in einem klassischen Stummfilm-Format gedreht und weist auch alle weiteren typischen Merkmale dieser Filmart wie überdeutliche expressive Gesten, eingeblendete Zwischentitel und eine klassische musikalische Begleitung auf. Doch bei genauer Betrachtung spielt "Blancanieves" sehr frei mit seinen Elementen und ist in seiner Gesamtheit ebenso klassisch, wie postmodern.

Pablo Berger zeigt ein Spanien der 20er-Jahre, in dem das Märchen von Schneewittchen bereits Allgemeingut ist und wo zugleich eine recht ähnliche märchenhafte Geschichte abläuft. Die Bündelung verschiedener Referenzebenen in diesem Film ist besonders deutlich am Beispiel der Gruppe kleinwüchsiger Toreros. Diese sind keine Erfindung des Regisseurs und Drehbuchautors Pablo Berger. Tatsächlich gab es damals in Spanien "enanos toreros" (Zwergtoreros), die zur Zuschauerbelustigung auf Jahrmärkten Stierkampf-Parodien aufführten. Darüber hinaus ist die fahrende Truppe von Zwergen ein deutlicher Verweis auf Ted Brownings "Freaks" (1932), von dessen Düsternis und Skurrilität "Blancanieves" viel übernommen hat. Als letztes kennen auch die Zwerge in dem Film das Märchen von Schneewittchen und nutzen dessen Bekanntheit zu Werbezwecken, in dem sie sich ab sofort "Schneewittchen (Blancanieves) und die sieben Zwerge" nennen. Dabei muss einer von ihnen schmunzeln, da die Truppe in Wirklichkeit nur aus sechs Personen plus Carmen besteht.

Hier spiegelt sich innerhalb des Films die augenzwinkernde Art, auf die Berger mit den verschiedenen Bezügen seiner Geschichte umgeht. Die Darsteller zeigen nicht nur wie in Stummfilmen üblich eine überdeutliche Mimik und Gestik. Wirklich alles ist in "Blancanieves" bis in die Absurdität hinein überdeutlich. So ist Encarna nicht weniger als die Inkarnation der bösen Stiefmutter an sich. Mit Genuss spielt Maribel Verdú deren diabolisches Wesen aus. Doch Berger übersteigert diese Figur so weit ins Groteske hinein, dass der Film streckenweise zu einer schwarzen Komödie wird. Als Encarna ihren Mann Antonio misshandelt, leidet der Zuschauer wirklich mit. Aber spätestens als die gegenüber bizarren SM-Spielen nicht abgeneigte Stiefmutter bei einer Portrait-Sitzung ihren devoten Gespielen die Position des Hundes einnehmen lässt, während der irritierte Maler weiterhin das nicht mehr vorhandene Tier malen muss, ist diese Szenerie einfach nur noch wunderbar grotesk.

Fazit: Pablo Bergers Schwarzweißfilm "Blancanieves" ist kein Abklatsch von "The Artist", sondern ein sehr eigenständiger Film, der den Stummfilm ebenfalls für ein großes Publikum attraktiv macht. Dem Spanier gelang nicht weniger, als das scheinbare Paradoxon eines modernen Märchens im nostalgischen Retro Look.




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