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FBW-Bewertung: Ich und Earl und das Mädchen (2015)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Greg ist 17, Außenseiter in seinem letzten Highschool-Jahr, dessen soziale Kontakte sich auf seinen Freund Earl reduzieren. Geselligkeit ist ihm ein lästiges Übel. Gemeinsam mit Earl flüchtet er sich in die Welten historischer Filmklassiker, die sie selbst nachspielen und mit skurrilen Titeln persiflieren. Doch Greg wird aus seinem Alltagstrott geworfen, als ihn seine Mutter dazu zwingt, Zeit mit der an Leukämie erkrankten Mitschülerin Rachel zu verbringen. Aus der anfänglichen gegenseitigen Abneigung entwickelt sich eine innige Freundschaft, die das Leben der beiden nachhaltig verändert.

ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN gelingt es, bei der im Zentrum stehenden Geschichte (die schon allzu oft in Filmen erzählt worden ist) ungewöhnliche Wege zu beschreiten und ein Gesamtkunstwerk zu kreieren, das aus Sicht der Jury völlig nachvollziehbar auch beim Sundance Film Festival mit zwei Hauptpreisen ausgezeichnetwurde. Das exzellente Drehbuch von Jesse Andrews nach seinem eigenen Roman wartet mit zahlreichen kreativen Einfällen und Figurenkonstellationen auf, die sich auf magische Weise zu einem großen Ganzen verflechten. Egal ob ?Ill Phil? schwadroniert, flauschige Kissen weibliche Namen erhalten undvon Greg zu Masturbationszwecken umfunktioniert werden oder der tätowierte Geschichtslehrer seinen Schülern Respekt vor der Forschung einzuimpfen versucht ? der Film umschifft Klippen der Peinlichkeiten und kreiert einen humoristisch-skurrilen Erzählstil, der sowohl der literarischen Vorlage (durch wunderbare Kapitelüberschriften wie ?Tag 1 der todgeweihten Freundschaft? und einen zeitweise philosophisch anmutenden Off-Kommentar) als auch den filmischen Möglichkeiten mehr als gerecht wird. Die persiflierten Filmklassiker werden vielfach nur angedeutet, doch schon die kurzen Ausschnitte von ?A Sockwork Orange? mit Sockenmännchen bis zu ?Apocalypse Now? aus Schnittblumen machen Lust darauf, Klassiker wie Satiren wiederzuentdecken. Werner Herzog spielt eine zentrale Rolle für die Filmemacher, mehrfach taucht er in Filmausschnitten auf ? mit dem Höhepunkt von Gregs Imitation von Werner Herzog in einem Monolog über den Aufnahmeprozess ins College als ewiger Kampf, was erfreulicherweise auch in der deutschen Synchronisation sehr gut gelungen ist.
Die hervorragende Kameraarbeit mit Trickelementen, ungewöhnlichen Perspektiven und Weitwinkel-Überhöhungen in den Zimmern der Protagonisten erzeugen die dem Stoff angemessene visuelle Vielfalt zwischen Puppenhaus-Ästhetik und den langen, als feindliches Gebiet inszenierten Gängen der Caféteria. Zugleich werden metaphorisch Kriegserfahrungen der amerikanischen Gesellschaft eingeflochten, die zahlreichen Metaebenen des Filmes funktionieren dabei herrlich unaufdringlich. Jeder Kenner von Filmgeschichte und amerikanischer Politik wird sich jedoch an den überaus inspirierten Insider-Anspielungen herzlich erfreuen. Zugleich ist auch der Musikeinsatz gespickt von Zitaten, die wie ein ergänzender Kommentar ironisieren und Distanz bzw. Nähe schaffen.
ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN hat die Jury als mutiger Spagat zwischen Mainstream- und Arthousekino auf allen Ebenen überzeugt.



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