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Das merkwürdige Kätzchen
Das merkwürdige Kätzchen
© Peripher

Kritik: Das merkwürdige Kätzchen (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In jedem Jahr gibt es bei der Berlinale einen Film, der erst zu einem Geheimtipp und dann zu der Entdeckung des Festivals wird. Im Jahr 2013 war es "Das merkwürdige Kätzchen" von Ramon Zürcher, der in der Forums-Sektion lief und schon bald als neuer 'Hoffnungsträger' für den deutschen Film gehandelt wurde.

In "Das merkwürdige Kätzchen" beobachtet der Zuschauer einen Tag in einer Familie. Die älteren Kinder Karin (Anjorka Strechel) und Simon (Luk Pfaff) sind zu Besuch bei ihren Eltern (Jenny Schily, Matthias Dittmer), am Abend wird es ein Essen mit Verwandten geben. Zuvor wird aber die Waschmaschine repariert, fast eine Küchenlampe zerschmissen, ein Experiment mit Orangenschalen durchgeführt und es werden Knöpfe angenäht. Das alles klingt nach einem normalen Tag– gäbe es in dieser Welt nicht lauter kleine wundersame Momente.

Der Film konzentriert sich vollends auf die elterliche Wohnung, die die Kamera lediglich bei einem Ausflug der Mutter sowie den bebilderten Monologsequenzen verlässt. Ansonsten ist sie statisch, so dass oftmals die Körper, aber nicht Gesichter der sprechenden Personen zu sehen sind. Auch bewegen sich die Menschen vor der Kamera, ohne dass sie die Bewegungen mit verfolgt. Dadurch wird die Beobachtungsposition des Zuschauers noch verstärkt. Darüber hinaus fällt auf, dass sich die Mutter kaum bewegt, sondern regelmäßig in einer Haltung verharrt. Diese Unbeweglichkeit zeigt ihre emotionale Distanz und Einsamkeit. Dagegen bewegt sich ihre jüngste Tochter Clara (Mia Kasalo) sehr viel und ist der Gegenpol zur Mutter, während die anderen Familienmitglieder zwischen diesen Polen agieren. Auf diese Weise werden Bewegungen zu Versuchen, andere Menschen emotional zu erreichen – und Stille deutet auf die Vergeblichkeit dieses Versuchs hin.

Entstanden ist der Film als Projekt im Rahmen eines Seminars an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin unter Leitung von Béla Tarr, in dem eine literarische Vorlage sehr frei adaptiert wurde. An Kafkas "Verwandlung" faszinierte Ramon Zürcher die Gegenüberstellung von Schlafzimmer und Küche als statischem und lebendigem Raum sowie die Präsenz der Tiere. Daraus entstanden Ideen und Skizzen, eine erste Drehbuchfassung und schließlich der Film, in dem sich Zürchers Faszination für die Räume wiederfindet. Die Interaktion ist zwischen den Figuren in der Küche am stärksten, danach folgen Wohnzimmer und Flur, während sie in den Schlafzimmern alleine gezeigt werden.

"Das merkwürdige Kätzchen" besteht somit aus einer scheinbar zufälligen Anordnung von Alltagsszenen, in denen die Kamera etwas herausgreift, ohne dass es einen Grund haben kann. Deshalb bieten sich viele Deutungen an – so wirkt die Mutter durch ihre Abwesenheit, ihre Starre und das Anschalten von Küchengeräten, während andere etwas erzählen, wie gefangen in ihrer Rolle, so als stünde sie kurz vor einem Ausbruch. Aber das ist nur eine mögliche Interpretation, die der Film enthält. Darüber hinaus schlummern in ihm unzählige andere Geschichten, die es in diesem wundersamen Film zu entdecken gibt.

Fazit: "Das merkwürdige Kätzchen" ist durch die Ansammlung alltäglicher und doch wundersamer Alltagsszenen ein bemerkenswertes Langfilmdebüt.





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